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Standpunkt

It’s never over before it’s over

Trotz riesiger Vorteile gegenüber dem Torwart versagen Elfmeterschützen oft kläglich. Das Ziel vor Augen zu haben ist eben nicht für alle befreiend.

Daniel Müller

Daniel Müller

In der Saison 2010/2011 wurden in der hoch gelobten deutschen Bundesliga sagenhafte 36 Prozent der Penaltys verschossen. Auch bekannteste Stars waren davon nicht ausgenommen. Zufall? Oder Resultat einer psychologischen Schwäche?

Roger Federer spielte am US Open 2011 im Halbfinal gegen Novak Djokovic. Nach mehr als dreieinhalb Stunden und grossartiger Leistung hat unsere verehrte Sportlegende im 5. Satz zwei Matchbälle. Der vermeintliche Sieger scheint völlig klar und die Zuschauer machen sich bereit zur Standing Ovation. Doch dann kommt alles anders. Roger verliert Punkt um Punkt und am Ende gar noch das Spiel. Zufall? Bei einer Sportgrösse wie Roger Federer sollte man dies eigentlich meinen.

In unserem Olympiafinal 1998 in Nagano standen wir dem Team Canada gegenüber. Kanada ist mit mehr als einer Million Curler und hunderten absoluten Spitzenmannschaften eine Macht in diesem Sport. Bei zehn Begegnungen gegen solche Cracks muss man wohl mit neun Niederlagen rechnen. Die Ausgangslage war also ziemlich einfach und klar. Doch dann kommt alles anders. Kaum ein Stein gelingt den Kanadiern und die Goldmedaille geht an die grossen Aussenseiter. Zufall? Auch in dem Fall eher wahrscheinlich.

Auf diesem Niveau sind derartige Zufälle kaum anzunehmen. Es gibt daher viele sportwissenschaftliche Untersuchungen dieses unerklärlichen Phänomens mit kaum einem abschliessenden Ergebnis. Klar ist aber, dass es viel mit Psychologie und einer Fehlfunktion der Nerven zu tun hat. Einige Experten nennen es «Yips». Eine Art Adrenalineinschuss mit Händezittern und Nervenflattern, die in ausserordentlichen Stresssituationen auftreten kann. So was Ähnliches also wie Lampenfieber.

Da die Ursachen nicht vollumfänglich bekannt sind, bleiben auch Massnahmen diffus. Der Angst vor dem kläglichen Scheitern kann man aber bestimmt durch mentales Training mit Entspannung, Visualisierung und positivem Denken begegnen.

Liebe Hockeyspieler des EHC Biel. In den letzten Jahren war eure Ausgangslage in der Vorrunde der Meisterschaft noch nie so gut. Seit dem Aufstieg in die höchste Spielerklasse habt ihr eure Haut kaum je so hartnäckig verkauft. Trotz bescheidenem Budget bietet ihr den ganz grossen und teuren Teams mit der besten Verteidigung hartnäckig Widerstand. Und dennoch ist das Ziel der erstmaligen Playoffs noch weit, weit entfernt.

Denkt nicht daran, dass man dem EHCB im nächsten Jahr als Playoff-Team mit grösserem Respekt begegnen wird. Dass der Nationaltrainer und andere Scouts ein waches Auge auf euch richten werden. Dass die Sponsoren neue Quellen erschliessen könnten. Und schlussendlich dass euer Marktwert schlagartig in die Höhe schiessen wird.

Denkt bitte an den scheiternden Elfmeterschützen. Oder an Roger Federer und andere Sportidole, die mit dem Ziel vor Augen noch eingebrochen sind. Fokussiert euch einzig auf die kommende Herausforderung. Nehmt Puck um Puck, Zweikampf um Zweikampf, Drittel um Drittel und Spiel um Spiel. Gebt Biel und dem Seeland mit eurer Leistung und eurer vorbildlichen Haltung positive Perspektiven. Und schenkt eurem grandiosen Wirbelwind Kevin Schläpfer wieder mal ruhigere Tage und Nächte. Die ganze Region wird es euch verdanken und euch in den Playoffs lautstark und zahlreich zu nächsten Erfolgen tragen. «Gäbet Gas, Giele!»

Info: Daniel Müller, Curling-Olympiasieger 1998 in Nagano, passionierter Curler, Segler, Biker, Snowboarder, Koch und Weinfreak, als Projektleiter und Berater für Kunden in Informatik, Logistik und Industrie tätig.

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