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Backoffen und andere heisse Eisen

Statt schockierende Bilder schockierende Rechtschreibung. Auch wirksam.

Bettina Epper

Bettina Epper
«Kanton Bern. Polizei- und Militärdirektion. Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär» steht auf dem Couvert, das Anfang Februar in meinem Briefkasten lag. Und in 255 999 anderen Briefkästen im Kanton Bern. Klare Sache, denn: «Wie alle Einwohner in Ihrer Gemeinde leben Sie im Umkreis von 20 km um ein Kernkraftwerk», steht hinten auf dem Couvert. Dass ich eine Frau und damit eine Einwohnerin bin, ist denen entgangen. Der Umschlag enthält, ich zitiere die «Berner Zeitung»: «Eine Plastikmappe, eine umfangreiche Informationsbroschüre, ein Faltblatt sowie einen Zonenplan. Der Kanton fordert einen auf, die Mappe mit den beigelegten Materialien und den separat verschickten Kaliumiodid-Tabletten zu bestücken und «an einem gut zugänglichen Ort Ihrer Wohnung» zur Aufbewahrung aufzuhängen.» In einer Ecke des Plastikmäpplis ist ein Loch, um das Mäppli an einen Nagel zu hängen.

So manchem war diese Post zu dicke Post. Etwa SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Er hat, wie «Blick.ch» schreibt, «im Parlament eine Interpellation eingereicht. Er will unter anderem wissen, weshalb der Versand gerade jetzt erfolgt sei. «Soll durch die dramatisierenden Informationen der überhastet beschlossene Atomausstieg schmackhaft gemacht werden??, fragt er.» Ärgern tut sich auch der Grünliberale Berner Stadtrat Manuel C. Widmer. Er fordert, schreibt ebenfalls «Blick.ch», «die Berner auf, das «Couvert des Schreckens» zurückzuschicken. «Mit Pillen und Couvert gegen den Gau» Das ist in etwa so, wie wenn man sich mit einem Campingzelt gegen einen Meteoriteneinschlag schützen wollte?, sagt Widmer.»

Es wird deutlich: die Menschen nehmen das Couvert nicht ernst und sind verwirrt. Für die SVP ist es schlicht Anti-AKW-Propaganda und damit nicht beachtenswert. Und für die Grünliberalen ist es ebenfalls nicht beachtenswert: es lohnt sich nicht einmal, das Couvert zu behalten. So abwegig ist diese ablehnende Haltung nicht, wie ein näherer Blick auf die Unterlagen zeigt. «Wählen Sie eine Sprache», steht vorne auf dem Couvert. Hier fängt's schon an. Ich wähle Deutsch. Doch Deutsch gibt es nicht. Nur so eine Art von. So wird mir erzählt, wie ich mich im Falle des Falles verhalten muss: «Wählen Sie den bestges-chützten Raum im Gebäude», steht da; «bestges-chützten» getrennt zwischen s und c. Ausserdem sollte ich, wenn die Behörden das anordnen, die Jodtabletten einnehmen: «Nehmen sie die Tabletten mit reichlich Flüssigkeit und mö-glichst nicht auf nüchternen Magen.» Folgendes Beispiel ist auch hübsch: «Zusätzlich werden Massnahmen in der Landwirtschaft angeordnet (z.B. vorsor-gliches Ernte- und Weideverbot)». Und: «die rechtzeitige Einnahme dieser Ta-bletten». Wer so Wörter trennt, trennt sie nicht, sondern spaltet sie. Aber vielleicht will uns das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, kurz BABS, damit einen Eindruck davon geben, welch hässliche Spaltprodukte, sprich radioaktive Isotope von Iod, Cäsium und Strontium etc., in den AKW entstehen. Statt schockierende Bilder schockierende Rechtschreibung. Auch wirksam.

Hier noch einmal die wirklich einfachen Trennregeln der deutschen Sprache: Getrennt wird zwischen Silben. Also Sil-ben, oder Hin-ter-grund-in-for-ma-ti-o-nen. Eine wichtige Rolle spielen die Konsonanten, also alle Buchstaben ausser den Vokalen a,e,i,o,u. Ein einzelner Konsonant kommt beim Trennen auf die untere Zeile. Also Zei-le. Zei auf die obere, le auf die untere Zeile. Bei mehreren Konsonanten kommt der letzte auf die untere Zeile: Kon-sonant, n bleibt oben, s geht runter. Oder Tab-letten, b bleibt oben, l geht runter. Aufent-halt. Es gibt noch ein paar kleine Finessen beim Trennen, aber mit dieser wichtigen Grundregel wären die Macher und Macherinnen der Broschüren schon gut bedient gewesen. Jetzt müssen sie nur noch lernen, wie man das komplizierte Wort «Ofen» schreibt, wie dies letzte Beispiel zeigt: «Schalten sie Herdplatten und Backoffen aus». Dann doch lieber vorher das AKW abschalten.

Bettina Epper ist Produzentin der Gewerkschaftszeitung «work». Wörter trennt sie nur, wenn es unumgänglich ist. Von allen Aa-Ka-Weh würde sie sich hingegen sofort trennen.

 

 

 

 

Stichwörter: Kolumne, Bettina Epper

Kommentare

bglaettli

Ist Manuel C. Widmer nicht GFL-Stadtrat (Grüne Freie Liste = Mitglied der Grünen) ?


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