Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) sucht noch immer Lernende für Sommer 2010. Konkret: Wie viele Lehrstellen sind im Kanton Bern noch unbesetzt?
Markus Kammermann: Im Lehrstellennachweis sind noch um die 40 Lehrstellen ausgeschrieben. Dabei handelt es sich vorwiegend um Lehrstellen für Polymechanikerinnen und Polymechaniker. Zwar fehlt es nicht an Bewerbungen - aber viele davon erfüllen das Anforderungsprofil für diese anspruchsvolle Berufslehre nicht.
Ist das eine neue Situation oder hatten Sie bereits in den vergangenen Jahren Probleme, genügend qualifizierte Lernende zu finden?
Die Situation hat sich schon verändert. Unsere Branche hat in den vergangenen Jahren viel in die Ausbildung investiert und hält dieses Engagement auch während der Krise aufrecht. Entsprechend ist das Lehrstellenangebot gross. Dem steht die demografische Entwicklung gegenüber. Die Zahl der Schulaustretenden ist rückläufig. Entsprechend sind weniger Lehrstellensuchende auf dem Markt. Die Situation wird durch den Trend zur Akademisierung der Bildung verschärft. Mit der Polymechanikerlehre sprechen wir gute Schülerinnen und Schüler an. Wir stehen also in Konkurrenz zu den Gymnasien.
Hat die MEM-Branche ein Imageproblem?
Zum Teil stimmt das. Wer seine Finger nicht schmutzig machen will, entscheidet sich nicht für einen mechanischen Beruf.
Wenn einer Branche der Nachwuchs fehlt, hat sie über kurz oder lang Probleme. Sind diese schon spürbar?
Eine Studie aus dem Jahr 2008 zeigt, dass allein im Gebiet Biel-Grenchen-Solothurn pro Jahr 150 Fachkräfte fehlen. Einige Betriebe haben die Konsequenzen gezogen und Produktionseinheiten ins Ausland verlagert. Die Schweiz verliert dadurch qualitativ hoch- stehende Arbeitsplätze und Wertschöpfung.
Wie wollen Sie mehr junge Menschen für Ihre Branche gewinnen?
Indem wir unsere Information verstärken. Ob Pult oder Mixer, Auto oder Computer: Kaum ein Gut des täglichen Gebrauchs, an dessen Entwicklung und Fertigung unsere Fachleute nicht beteiligt gewesen wären. Diese Faszination müssen wir vermitteln. Wir müssen ins Berufsmarketing investieren und unsere Welt in die Schulen tragen. Daran arbeiten wir. An der nächsten Berner Ausbildungsmesse (BAM) werden wir mit «mecaforma.ch» einen neuen und einheitlichen Auftritt haben. Daraus soll eine nationale Plattform entstehen.
Auch andere Branchen inves-tieren ins Berufsmarketing. Braucht es nicht zusätzliche Massnahmen?
Wir empfehlen unseren Lehrbetrieben, neben der vierjährigen Polymechanikerlehre vermehrt die dreijährigen Grundausbildungen als Produktionsmechaniker oder Automatikmonteur anzubieten. Damit können wir eine andere Zielgruppe ansprechen und stehen weniger in Konkurrenz zu den Gymnasien. Zudem bleiben diese Fachkräfte den Betrieben meist lange treu, was wichtig für den Industriestandort Schweiz ist.
Bei den MEM-Berufen fällt der tiefe Frauenanteil auf. Haben Sie es versäumt, diese Zielgruppe anzusprechen?
Wir sprechen in all unseren Unterlagen auch Frauen an. Aber es ist eine Tatsache, dass wir eine Männerbranche sind. Weniger als 5 Prozent der Lernenden sind Frauen - diese sind in der Regel aber überdurchschnittlich erfolgreich. Deshalb freuen wir uns über jede Frau, die sich für einen unserer Berufe entscheidet.
Bei der Berufswahl spielen Zukunftsaussichten eine entscheidende Rolle. Wie steht es um die Zukunft der MEM-Industrie in der Schweiz?
Unsere Branche ist gut aufgestellt. Wir sind innovativ und in zukunftsträchtigen Gebieten tätig - Medizinaltechnik, Umwelttechnologie, Weltraumforschung, Prototypenbau - um nur einige zu nennen. Und unsere Betriebe arbeiten zuverlässig und qualitätsbewusst. Das sind Tugenden, die uns weltweit konkurrenzfähig machen.
Zum Schluss: Warum soll eine junge Frau, ein junger Mann eine Lehre in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie machen?
Weil unsere Branche hervorragende Berufs- und Karrieremöglichkeiten bietet. Und weil eine berufliche Grundausbildung die beste Lebensschule ist.
Info: Markus Kammermann ist Geschäftsleiter der Sektionen Bern und Biel beim Branchenverband Swissmechanic.
MEM-Berufe
- Polymechaniker fertigen Werkzeuge, Geräteteile und Produktionsvorrichtungen. Dauer: vier Jahre. Abschluss: EFZ (eidg. Fähigkeitszeugnis).
- Produktionsmechaniker fertigen und bearbeiten Bauteile aus Metall und Kunststoff und warten Geräte, Apparate und Maschinen. Dauer: drei Jahre. Abschluss EFZ.
- Automatiker entwickeln und bauen elektrische Steuerungs- und Automatisierungssysteme. Dauer: vier Jahre. Abschluss: EFZ.
- Automatikmonteure fertigen, montieren, warten und reparieren Maschinen, Geräte und Anlagen. Dauer: drei Jahre. Abschluss: EFZ.
- Mechanikpraktiker übernehmen einfache Aufgaben in der Bearbeitung von Metallen und der Herstellung von Apparaturen. Dauer: zwei Jahre. Abschluss: EBA (eidg. Berufsattest).
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