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180 Minuten mit dem Herrn der Stunden

Alles hat seine Stunde, auch ein Treffen mit dem Schriftsteller Urs Karpf in seiner gemütlichen Zweizimmerwohnung an der Bieler Untergasse. Die 180 Minuten vergehen im Gespräch mit dem Verfasser des Romans «Alles hat seine Stunde» wie im Fluge.

<B>Zeuge der Zeit: Urs Karpf</B><BR><BR>
<FONT SIZE=+2><B>180 Minuten mit dem Herrn der Stunden </B></FONT><BR><BR>
Karpf ist ein anregender, angeregter Gesprächspartner. Über die Kultur in diesem Jahrhundert möchte man mit ihm reden, aber vorerst nimmt die Unterhaltung spontan eine Wendung ins Persönliche, wird Urs Karpf in seiner ganzen geistigen Lebhaftigkeit fassbar. Auch gut: Wer den Menschen Karpf kennen lernt, erfährt nach und nach auch, wie er über die Auswirkungen des 20. Jahrhunderts auf die Kultur denkt. <BR>
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Er selber ist ja ausgesprochen ein Kind dieses Jahrhunderts; mehr als dessen Hälfte hat er erlebt. Am 9.11.1938 ist er in Zürich geboren, einem schicksalhaften Tag fürwahr, jenem der Reichskristallnacht in Nazi-Deutschland. «Ich habe ein total historisches Geburtsdatum», sagt er, ein Mann der Kultur, über einen Tag, den er als «Manifest der Barbarei» bezeichnet - einer untrennbar mit diesem Jahrhundert verbundenen Barbarei. Er spielt auch auf ein Ereignis vor über zehn Jahren an: den Fall der Mauer in Berlin am 9.11.1989. Auch sie ein Symbol für Barbarei, für Unrecht, für Menschenverachtung. <BR>
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Zwei totalitäre Systeme, die auch die Kultur einengten. «Ich halte die Freiheit des Schreibens für eine der wichtigsten Freiheiten überhaupt», bilanziert der Schriftsteller Urs Karpf - in Erkenntnis der Bedrohungen, denen das Wort im 20. Jahrhundert ausgesetzt war.<BR>
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In dessen zweiter Hälfte ist Deutschland eine Demokratie, ein in sich gefestigter Rechtsstaat geworden - Arbeitsstätte vieler Kolleginnen und Kollegen Karpfs, weil auch die Freiheit des Schreibens gewährleistet ist. Auch Karpf verlässt Biel mehr oder weniger regelmässig, um in Deutschland, in Osnabrück, unter anderem seiner Berufung als Schriftsteller nachzugehen. Die Schweiz gehört für ihn zum deutschsprachigen Kulturraum, unzweifelhaft. «Eine Abkapselung wäre entsetzlich, dann hätten wir Blut-und-Boden-Literatur.» <BR>
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Leidet er unter der oft zitierten helvetischen Enge, empfindet er selbst ein Unbehagen im Kleinstaat? Braucht er Deutschland, weil er, um in Anlehnung an Theodor Fontane und Günter Grass zu sprechen, dort «ein weites Feld» vorfindet? Der Autor von Romanen und Kurzgeschichten bejaht die Frage; er hat diese Erfahrung von der helvetischen Enge auch gemacht. <BR>
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Eine Rückblende: Karpf ist 21-jährig, als er aus beruflichen Gründen nach Schweden geht und dort elf Jahre als Landarbeiter und in der Stahlindustrie tätig ist. Bei seiner Rückkehr ist er 32 Jahre alt - und erlebt einen Schock. Er findet eine Schweiz vor, in der es zwar «mehr Autobahnen und mehr Hochhäuser» gibt, aber mit derselben «miefigen, spiessigen Mentalität» wie bei seinem Weggang. Es folgen zwei Jahre des Kampfes mit sich selbst: dableiben und schreiben oder auswandern? Er entscheidet sich fürs Bleiben. Und damit fürs Schreiben.<BR>
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Schützenhilfe leistet sinnigerweise das Buch eines Schweden, der meint, es gebe wohl nichts Interessanteres, als ein schweizerischer Schriftsteller zu sein. Begründung: In allen anderen Ländern dringe vieles an die Oberfläche, in der Schweiz bleibe praktisch alles darunter verborgen. Da sei es doch verlockend, zu bohren, zu sondieren. Das leuchtet Karpf ein. Er geht nicht weg. Und beginnt zu bohren und zu sondieren.<BR>
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«Deshalb verstehe ich heute all jene nicht, die behaupten, es gebe in der Schweiz keine Themen mehr und man müsse ins Ausland gehen. Die haben ihre Augen nicht offen. In dieser Schweiz gibt es Themen - unzählige, wichtige Themen.» Karpfs Stimme verrät Leidenschaft - eine gute Voraussetzung, Worte zu einem Werk zu formen, wie etwa zum Roman «Alles hat seine Stunde» (1993). <BR>
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Er ist das Resultat einer intensiven Beschäftigung mit den Uhrendynastien in Biel. Mit einem dieser Themen, die nach Ansicht von Karpf nur darauf warten, von jemandem angepackt zu werden. Ihn hat erstaunt, dass niemand vor ihm auf die Idee gekommen ist, sich dieses «Paradepferdes der Exportindustrie» anzunehmen.<BR>
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Getragen wird der Autor bei der Arbeit von seiner Faszination für die Zeit. Für «die Zeit, die wir am Handgelenk tragen». Für die Zeit - so darf sicher ergänzt werden -, der sich der Mensch unterwirft und die Jahrhunderte bemisst. Gerade daran ist, wieder eines zu beenden. <BR>
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Karpf, langjähriger Projektleiter in der schweizerischen Aluminium- und Uhrenindustrie, hat sich zum Phänomen «Zeit» seine eigenen Überlegungen gemacht. «Die Zeit kann man nicht erfinden. Insofern weiss man nicht, ob es eine Zeit gibt oder nicht, ob sie stimmt oder nicht.» Zeit sei ein Behelfsartikel, ein zweckmässiger. <BR>
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Aber entspricht sie der Realität? Was ist Realität? Dass es eine individuell empfundene gibt, bricht in seinen unheimlichen Kurzgeschichten («Die Reise nach Nürtingen», 1996) durch. <BR>
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Geschrieben hat er schon früh, auch wenn er erst seit 1980 als freier Journalist und Schriftsteller tätig ist. Aber Urs Karpf, der Wortmensch, hat noch eine andere Seite: die Liebe zu Werkstoffen, zu Glas und Keramik. Seiner Aussage, das 20. Jahrhundert habe endlich die Anerkennung der aussereuropäischen Kulturen wie etwa jener Afrikas vollzogen, lebt er im Kleinen nach: Wenn er dann einen handgeformten Topf aus dem Atlasgebirge in seinen starken Händen dreht und wendet oder auf eine Figur weist, so haben auch diese Gegenstände ihre Stunde im Leben des Urs Karpf. <BR><BR> Christophe Pochon<BR>
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