Sie sind hier

Chasseral

Offroad über den Rücken des schlafenden Drachens

Den Grossen kennt jeder im Seeland, auf den Kleinen setzt kaum jemand einen Fuss. Denn die Krete des Petit Chasseral ist weglos.

Bild: bt/a
  • Dokumente

Lotti Teuscher


Wenn Sie nun denken: Nicht schon wieder Chasseral!, ist dies verständlich. Schliesslich bekommt der Berg aller Berge im Berner Jura im BT reichlich Platz. Doch das Filetstück dieser Wanderung kennen gefühlte 99,9 Prozent aller Leser und Leserinnen nicht. Start ist beim Hotel Chasseral, wir spazieren gemütlich über die Krete Richtung Turm und geniessen zehn Minuten lang die weitherum berühmte Aussicht. Dann nehmen wir das asphaltierte Strässchen, das linkerhand die Krete hinunter auf die Nordseite leitet.


Ein Pfad führt durch weissen und blauen Krokus und Aprilglocken, es geht in Richtung der Métairie Meuser. Nach 100 Metern stechen wir rechts ab in den Graben unterhalb der Sennerei – wir offroaden. Am Ende des Grabens sammelt sich Wasser, Sumpfdotterblumen recken goldgelbe Köpfe zum Himmel. Wasser schwappt in die Schuhe, aber nur ein klein wenig.
Nächstes Ziel ist der Bruder des Chasseral, respektive dessen Rücken. Der Petit Chasseral ist 35 Meter kleiner als sein Bruder und sehr viel zierlicher. Während der Chasseral einen breiten Rücken hat, ist jener des Petit Chasseral filigran. Aus der Froschperspektive sieht der Kleine Bruder stotzig und unnahbar aus. Der Eindruck täuscht, die Krete lässt sich gefahrlos begehen.


Auf der Spur des Frühlings

Der scharfe, leicht gewölbte Grat, gespickt mit Felstürmchen, Steinbrocken, Geröll und einer zerfallenden Steinmauer, könnte der Rücken eines schlafenden Drachens sein. Westwind und Biese fegen mit Wucht über ihn hinweg, Humus kann sich  nur wenig bilden. Umso intensiver leuchten die Blumen, die sich am Petit Chasseral festkrallen – als müssten sie sich besonders grosse Mühe geben, um Insekten zur Bestäubung anzulocken. Gelb, pink, weiss und violett strahlt hier das Gesicht des Bergfrühlings. Am auffallendsten blühen der Grosse und der Kleine Enzian. Immer in Gruppen, die wie eine Haufen tiefblauer Edelsteine leuchten.
Während wir Fuss vor Fuss im weglosen Gelände setzen, haftet der Blick fest am Boden. Nicht allein, weil Stolpersteine lauern. Sondern auch, weil sich diese karge, und doch so reiche Landschaft nur aus der Nähe im Detail entdecken lässt.

Wie Sennen Probleme lösen

Nach einer halben Stunde hat das Offroaden ein Ende, ein Wanderweg führt nordseitig hinunter zur Métairie Morat. Sie ist die einsamste aller Sennereien am Chasseral. Zwar ist sie durch zwei Strässchen erschlossen, dennoch bleiben die Wanderer unter sich. Denn die Strässchen dürfen nur von den Sennen und Viehbesitzer genutzt werden – eigentlich. Es geschah während eines Sommerabends, die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, wir sassen in der Küche der Sennerei, die zugleich als Gaststube dient. Plötzlich durchbrach Motorlärm die nächtliche Stille. Die Tür flog auf, eine Gestalt dahinter schwankte hin und her, bis sie die Mitte traf, hereinstürzte und zu einem Stuhl torkelte. Dies wiederholte sich noch zwei Mal – dann orderten die drei sturzbetrunkene

Männer am Tisch Schnaps.

Die Wirtin lächelte freundlich, ging zum uralten Kochherd, und bereitete drei währschafte Käseschnitten zu. Als die Drei wieder geradeaus gehen konnte, geleitete der Senn sie nach draussen und ermahnte sie, vorsichtig und auf direktem Weg nach Hause zu fahren.
Während die meisten Métairien Weitsicht bieten, prallt der Blick von der «Murten» aus an den Hang des Petit Chasseral; vom Sendeturm auf dem echten Chasseral ist nur die rotweiss geringelte Spitze zu sehen. Noch ist die Sennerei geschlossen. Sich an den windgeschützten Holztisch vor der Hütte zu setzen, ist dennoch erlaubt.

V-Tal mit Überraschungen

Nun lautet das Motto:  Augen auf, und langsam durch die Combe à Maillet! Dies hat das stille Hochtal verdient, denn es erfordert einen zweiten Blick, um seine Qualitäten zu würdigen. Das wird flankiert von zwei Steilhängen, die ein perfektes «V» bilden. Bevor die Gustis hochkommen, äsen am Südhang Gämsen,  ab und zu ertönt der schrille Pfiff eines Murmeltiers. Irgendwann Ende Mai oder Anfang Juni blüht hier tausendfach der Türkenbund: Die stattlichste aller Lilien in Europa mit ihren auffallenden, pinkfarbenen Blüten, die an einen Turban erinnern – daher der Name Türkenbund.
Das Tal endet beim Flachmoor Les Pré aux Auges oberhalb der Schlucht Combe Grède und mit ihm endet auch die Einsamkeit: Wir befinden uns nun auf dem Wanderweg, der durch die Combe Grède auf den Chasseral führt – ein Klassiker, den Tausende unter die Wanderschuhe nehmen. Augen zu und durchmarschieren, lautet jetzt die Devise – und in Gedanken Rückschau halten auf Blüten, grau verwitterten Felstürmchen, Gämsen und die Stolpersteine in weglosem Gelände. 

**********************

Tipps zur Tour

- Dauer: 2.40 Stunden

- Höhenmeter: Je 340 Meter Auf- und Abstieg.

- Ausrüstung: Wanderschuhe.

- Schwierigkeit: T2, Bergwanderung. Etwas Trittsicherheit nötig, keine Absturzgefahr.
•_Anreise ÖV: Samstags und sonntagsntags und an Feiertagen fährt ein Bus am Neuenstadt auf den Chasseral ab dem 29. April bis am 29. Oktober.

- Wichtig: Sobald die Rinder gesömmert werden, sollte die Krete des Petit Chasseral nicht mehr betreten werden. Auf keinen Fall Zäune beschädigen oder Abfall liegen lassen! Lt

Stichwörter: Chasseral, Touren, Wanderung

Kommentare

Biennensis

Lieber von der Frau Teuscher eine schöne Jura-Geschichte (Chasseral) als eine dunkle Jegge-Moral-Predigt! Mein Fazit: Es geht mit der Madame "Chasseral" mit grossen Schritten wieder Aufwärts!


Nachrichten zu Seeland »