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100 Jahre Pro Senectute

Junge Lehrer führen Senioren in die digitale Welt ein

Bei der Anwendung von Whatsapp und Co. sind für Erica Wyss noch einige Fragen offen. Der «Cyberthé-Kurs» von Pro Senectute soll diese Fragen beantworten.

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Hannah Frei

Mit ihren Tablets, Smartphones und Laptops ausgerüstet, betreten die Senioren das Kompetenzzentrum von Pro Senectute in der Bieler Innenstadt. Kaffee und Tee stehen bereit, die acht jungen Lehrer empfangen ihre Schüler beim Eingang. Erica Wyss* und ihre Lehrerin Luana Eggimann setzen sich gemeinsam mit ihren iPhones an einen Tisch. Wyss besitzt ihr Smartphone seit zwei Jahren. Das Telefonieren und Versenden von SMS beherrscht sie einwandfrei.

Mit dem Wandel der Zeit

Die Aufgaben und Kursangebote von Pro Senectute haben sich in den vergangenen Jahren dem Wandel der Zeit angepasst. Vor 100 Jahren lag der Fokus der Hilfestellungen auf der materiellen und finanziellen Not (siehe Interview). Heute existiert eine vielfältige Palette von Bildungs- und Bewegungsangeboten. Neben dem Stand-Up-Paddling-Kurs, Englisch- und Chinesischsprachkursen und dem Denk-Café in Lyss wird seit letztem Oktober einmal monatlich der Kurs «Cyberthé» durchgeführt. In diesem Kurs erklären junge Menschen, wie man das Smartphone, den Laptop und das Tablet vielseitiger als nur für den Austausch von Informationen einsetzen kann. Für die Teilnahme am Kurs wird von den Senioren ein solidarischer Betrag von sechs Franken verlangt.

Youtube und Whatsapp

Als die junge Lehrerin Eggimann ihrer Schülerin Wyss verschiedene Applikationen wie Whatsapp und Facebook auf ihrem Handy zeigt, wirft Wyss plötzlich ihre Bedenken ein: «Uh, Facebook und Youtube will ich nicht, das ist mir ungeheuer.» Nach einem kurzen Blick auf das Smartphone von Wyss, sagt Eggimann: «Aber, du hast doch bereits Youtube installiert?» Wyss ist erstaunt: «Ehrlich? Hast du das auch auf deinem Handy?» Eggimann nickt. «Ah, gut, dann bin ich gar nicht so falsch,» sagt Wyss erleichtert.

Schüler werden zu Experten

Die Senioren vertrauen ihren jungen Lehrern und Lehrerinnen und scheinen, die Tipps und Tricks zur digitalen Welt zu verstehen und zu schätzen. Laut der Koordinatorin der Freiwilligenarbeit bei Pro Senectute, Monica Pianezzi, schätzen die Senioren das Vermittlungsformat von Jung zu Alt sehr: «Komplexe Fragen zur digitalen Welt werden auf Augenhöhe geklärt, nicht durch einen Spezialisten.»

Das Lehrer-Schüler-Prinzip wird auf den Kopf gestellt. Senioren bekommen Nachhilfe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich im Motivationssemester Semo/Move der Fondation Gad Stiftung befinden. Das Brückenangebot Move bereitet Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren ohne Lehrstelle auf die Arbeitswelt vor. Laut dem Coach der Gruppe, Isabelle Zogg, ist die Arbeit mit den Senioren für die Schüler eine gute Abwechslung zum Move-Alltag, um ausserschulische Erfahrungen für das Berufsleben zu sammeln: «Die Schüler können hier Experten sein. Das tut ihnen gut.» Die jungen Lehrer nehmen freiwillig am Projekt teil und verbringen so einen Nachmittag pro Monat mit den Senioren, anstatt im schulinternen Atelier zu sitzen.

Was das Smartphone alles kann

Eggimann fragt Wyss: «Wenn du unterwegs bist, und du nicht mehr viel Akku hast, weisst du denn, was du tun kannst?» Wyss antwortet: «Ja klar, ich muss das Handy wieder aufladen.» Eggimann lächelt und sagt: «Das ist eine Möglichkeit. Es gibt aber auch noch andere Tricks. Wenn du mit dem Daumen zweimal auf den ‹Homebutton› klickst, dann kannst du die laufenden Applikationen im Hintergrund schliessen. Dies sorgt dafür, dass dein Handy weniger Akku verbraucht. Zudem kannst du bei den Einstellungen den Energiesparmodus bei Bedarf einstellen.» Wyss sagt erstaunt: «Was? Warte, ich muss mir das aufschreiben, sonst vergesse ich es wieder. Wo ist jetzt dieser ‹Homebutton›?»

Wyss benutzt ihr Smartphone oft. Sie habe kaum mehr Kleingeld im Portemonnaie und brauche das Gerät daher beispielsweise zum Lösen eines Bahnbilletts.

«Cyberthé» ist gefragt

Die Senioren müssen sich laut Pianezzi im Vorfeld anmelden und ihre Fragen mitteilen. Dies erleichtere die Organisation des Tandem-Prinzips, sodass schlussendlich jeder Senior einen passenden jungen Lehrer finde. Die Teilnehmenden aus dem Motivationssemester Semo/Move erhalten nach der regelmässigen Teilnahme am Kurs ein Zertifikat, das sie ihrer Bewerbungsmappe beilegen können. Somit ergebe sich für alle Teilnehmenden eine Win-win-Situation: «Bei diesem Projekt gewinnen alle», sagt Pianezzi.

Das Konzept von «Cyberthé» hat die Pro Senectute Biel-Seeland von einem bereits bestehenden Projekt in Neuenburg übernommen. Dort hat dieses laut der Lehrerin Zogg starken Anklang gefunden, was dazu führte, dass die Pro Senectute Biel-Seeland den Kurs auch in Biel anbietet. In Biel ist der Kurs ebenfalls gut besucht. «Die Resonanz ist riesig. Unsere Warteliste ist lang», sagt Pianezzi. Daher werde der Kurs nach der Sommerpause zweimal monatlich angeboten. haf

*Name von der Redaktion geändert.

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