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Walter Laubscher

Erschossen auf dem Hitlerplatz

17 Landesverräter sind im Zweiten Weltkrieg zum Tod verurteilt und erschossen worden. Darunter auch Walter Laubscher aus Täuffelen. Er hatte jahrelang für Nazi-Deutschland die Schweiz ausspioniert.

Dunkelkammer der Schweizer Geschichtsschreibung: Erst lange nach dem Zweiten Welkrieg fand das Thema Landesverräter Eingang in die Literatur. Bild: zvg

ROLF LÖFFLER


«Hitlerplatz» ist ein zumindest zweifelhafter Name für einen Ort. Genauso heisst aber bis heute im Volksmund eine kleine Lichtung im Eggwald, nahe dem Zürcher Dorf Bachs. Grund für diese Benennung nach dem schlimmsten Massenmörder aller Zeiten: Ein Armee-Exekutionskommando erschoss dort die beiden Landesverräter Walter Laubscher und Hermann Grimm, am späten Nachmittag des 7. Dezembers 1944.

Dieses kaum bekannte Ereignis aus dem Zweiten Weltkrieg zeichnet der emeritierte ETH-Geschichtsprofessor Walter Schaufelberger in einem wissenschaftlichen Aufsatz nach. Schaufelberger erfuhr durch Zufall von dem heillosen Namen, als er mit seinem Hund im Eggwald spazierte. Er ging dem Fall auf den Grund und begann im Bundesarchiv zu forschen – und war plötzlich sehr persönlich in den Fall involviert: Walter Schaufelberger fand heraus, dass sein Vater als Justizoffizier Auditor (Ankläger) in dem Fall war.

Gut situierte Familie
Zurück zu Walter Laubscher: Er wurde 1897 in Täuffelen geboren, als ältester von drei Brüdern, sein Vater war Gemeindepräsident und Posthalter. Die Kantonspolizei Zürich bezeichnete die Familie im Leumundsbericht als «gut situiert und ehrbar». Walter machte sogar die Matura, geriet aber nach abgebrochenem Notar-Studium zunehmend auf die schiefe Bahn.

Ein beruflicher Misserfolg jagte den andern. 1929 zog Walter Laubscher von Biel nach Zürich und übernahm eine Stelle als Geschäftsleiter. Ein Jahr später wurde er wegen Betrugs zu einem Jahr Arbeitshaus verurteilt. Weitere Verurteilungen folgten wegen verschiedener Vermögensdelikte, Laubscher kam geschäftlich auf keinen grünen Zweig mehr und lebte zunehmend von der Fürsorge.

1939 heiratete er die St. Gallerin Berta Freund, die als Ferggerin im Textilwesen arbeitete und zeitweise den gemeinsamen Lebensunterhalt bestritt. Das kinderlose Paar wohnte an der Röntgenstrasse 30 in Zürich. Die Hausverwalterin gab der Polizei zu Protokoll, «dass Herr Laubscher noch nie eine feste Stelle hatte, seit er hier wohnt, er geht immer erst am späten Morgen oder am Nachmittag aus dem Haus».

Ursprünglich FDP-Mitglied
Walter Laubscher gehörte bis zu seiner ersten Verurteilung der FDP an, wie seine Familie. Später suchte er die Nähe der rechtsextremen Fronten und war Mitglied in verschiedenen Bewegungen, wie der «Nationalen Front», der «Heimatwehr» oder dem «Bund nationalsozialistischer Eidgenossen». Wie so viele wirtschaftlich Gestrandete in dieser Zeit setzte er seine Hoffnung auf den Nationalsozialismus und ein geeintes Europa unter deutscher Führung.

Nummer zwei im 1942 ausgehobenen Spionagering war Hermann Grimm, ein 1897 in Deutschland geborener Auslandschweizer. Der Zahntechniker kämpfte nach dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen rechtsextremen deutschen Freikorps gegen Spartakisten und die kommunistische Münchner Räterepublik. 1921 kam er erstmals in die Schweiz. Wie Laubscher geriet er mehrmals in die Mühlen der Strafjustiz. Er wurde verurteilt, ebenfalls wegen Betrugs und weil er unerlaubt als Zahnarzt gearbeitet hatte.

Grimm war verheiratet und hatte zwei Söhne, die Familie lebte in Zürich von Sozialgeld. Hermann Grimm war zunehmend frustriert ob seines beruflichen Scheiterns, er fühlte sich als Auslandschweizer als «drittklassiger Mensch» behandelt und war von 1934 bis 1938 wie Laubscher Mitglied der «Nationalen Front». 1938 trat er der SP bei, angeblich um leichter Arbeit zu bekommen, später sagte er gegenüber der Polizei, er sei nur aus Tarnungsgründen bei den Sozialdemokraten geblieben.

Von Deutschem angeworben
«Der dritte Mann» war der Deutsche Ferdinand Infanger (geboren 1906). Er hatte den Auftrag von der deutschen Nachrichtenzentrale Stuttgart, ein Spionagenetz in der Schweiz aufzubauen. Infanger zog von Deutschland aus die Fäden, indem er die Spione anwarb, beauftragte, unterrichtete und bezahlte. Er organisierte Kartenmaterial und wertete die Nachrichten aus. Infanger wurde im gleichen Prozess wie Laubscher und Grimm zum Tode verurteilt, «in Abwesenheit», weil er in Deutschland weilte.

1941 gelang es ihm, Walter Laubscher anzuwerben, der wiederum warb Grimm an sowie einen Walter Hurter und einen Wilhelm Gebhart. Gebhart, Deckname «Gantenbein», war Coiffeur, er rapportierte für den deutschen Nachrichtendienst Gespräche von Kunden, die diese auf dem Coiffeurstuhl führten. Ihm wie Hurter alias «Ernst Hofmann» und Grimm alias «Isler, Walser» bot Laubscher grosszügig Spesen und weitere Entschädigungen an und stellte in Aussicht, dass sie nach einer Besatzung der Schweiz nicht zum deutschen Kriegsdienst eingezogen würden.

Als Nächsten warb Laubscher seinen Bruder Gottfried an, der Seeländer wohnte ebenfalls in Zürich. Der ehemalige Oberleutnant der Fliegerabwehrtruppen zögerte anfangs; als ihm Walter die hohe Summe von 300 Franken auf den Tisch legte, willigte er ein, auch er steckte in finanziellen Schwierigkeiten. «Ernst Weber» musste eine kleine Probearbeit abliefern, das Ausspionieren der Flab-Stellungen der Stadt Zürich.

Infanger war anfangs von einem kleinen Kreis von etwa sechs Leuten ausgegangen, am Ende wurden gegen rund 40 Personen Anklage erhoben, in mehreren Fällen waren die Ehefrauen Gehilfinnen, auch Berta Laubscher und Sophie Grimm. Im Frühjahr 1942 übernahm Hermann Grimm die Leitung des Spionagerings, Walter Laubscher war zu wenig effizient.

Mit Geld gelockt
Als Lockmittel wurden den Spionen lukrative Geschäfte und gut bezahlte Arbeitsstellen in Aussicht gestellt, oder die Übernahme ganzer Firmen, zum Beispiel Schweizer Unternehmen, die Juden gehörten, und die nach einer deutschen Invasion «arisiert» worden wären.

Neben den Spesen wie SBB-Generalabonnemente, Geld für teure Fotoapparate usw. flossen auch grosse Summen an Geld, die durch Kuriere überbracht wurden. Laubscher bezog rund 1700 Franken, ein anderes Mitglied, Friedrich Jäggi alias «Fritschi», hatte ein monatliches Fixum von 400 Franken. Grimm langte besonders zu, laut Gerichtsurteil lag sein Umsatz bei 30'000 Franken!

Die konspirativen Treffen fanden meist in Restaurants statt rund um den Zürcher Hauptbahnhof, Erkennungszeichen war eine Zigarettenschachtel mit quer darauf liegender Füllfeder. Manchmal traf man sich auch in der deutschen Gesandtschaft in Bern oder im deutschen Generalkonsulat Zürich. Übermittelt wurden die Nachrichten mit Botengängen über die Grenze, die vielfach Frauen übernahmen, meist in Thayngen, Ramsen, Laufenburg und Rheinfelden. Später installierten Laubscher, Grimm und Co. insgesamt sechs Schwarzsender, mit denen sie ihre Ergebnisse den deutschen Stellen funkten.

Interesse an Bunkern
Auf was richtete der Spionagering sein Augenmerk? Schaufelberger listet eine grosse Zahl militärischer Anlagen auf, wie Bunker, Kanonenstellungen, Bauten, Strassen- und Panzersperren und so weiter, die an der Nord- und Ostgrenze der Schweiz standen. Davon wurden Krokis angefertigt oder die Standorte und Pläne zeichneten sie direkt in Karten ein.
Auch Objekte rund um Biel interessierten: «Bunker am Eingang der Taubenlochschlucht bei Frinvilier, Flugplatz Biel-Bözingen nebst zugehörigen Bauten (Mannschaftsbaracke, Sprengstoffdepot), Büro der Zerstörungs-Detachemente Biel...» heisst es in den Akten. Oder Nachrichten über die Rüstungsindustrie, dabei fällt auch der Name General Motors in Biel.

Der Nachrichtendienst dauerte von Sommer 1941 bis Herbst 1942. Laubscher und seine Spiessgesellen gingen nicht immer professionell vor, die Polizei kam ihnen auf die Schliche. Am 24. Oktober wurde das Ehepaar Grimm verhaftet, zwei Tage später Laubschers, dann hob die Polizei bis am 7. November Schlag auf Schlag den ganzen Ring aus, insgesamt 28 Personen kamen hinter Gitter.

Die Ermittlungen gingen weiter, Sophie Grimm wurde in die Psychiatrische Anstalt Burghölzli verlegt wegen Selbstmordversuchs, allein Walter Laubscher wurde 60 Mal einvernommen. Im Dezember 1943 beendete der Untersuchungsrichter seinen Schlussbericht. Hauptverhandlung vor Militärgericht war vom 25. September bis am 9. Oktober 1944, Auditor war der Major der Militärjustiz, Paul Schaufelberger, wie erwähnt.
Laubscher und Grimm wurden schuldig gesprochen des militärischen Landesverrats und zahlreicher Nebendelikte, das Gericht verurteilte beide zum Tod durch Erschiessen. Die Schuldsprüche wurden nicht weitergezogen, die Bundesversammlung lehnte beide Gnadengesuche mit grosser Mehrheit ab.

Gottfried Laubscher erhielt zehn Jahre Zuchthaus, er wurde degradiert und aus der Armee ausgeschlossen, Berta Laubscher kam mit anderthalb Jahren Zuchthaus davon, Sophie Grimm erhielt vier Jahre Zuchthaus. Weiter sprach das Gericht mehrfache lebenslängliche Zuchthausstrafen aus, die deutschen Mitglieder der Spionage-Organisation wurden des Landes verwiesen.

Info: Walter Schaufelberger: Aktenzeichen BAR. Ein Spionagefall aus dem Zweiten Weltkrieg, in: 30 Jahre GMS, Festschrift der Schweizer Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen, Zürich, Heft Nummer 30, S. 68-97, www.gms-reisen.ch.
 

Die Landesverräter
Das Thema Landesverräter war lange Zeit eine Dunkelkammer der Schweizer Geschichtsschreibung. Der Journalist Niklaus Meienberg beleuchtete es erstmals 1973 mit seinem Buch «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.», drei Jahre später drehte er mit Richard Dindo den gleichnamigen Dokumentarfilm. Ganz Meienberg war «Ernst S.» weniger eine historische Aufarbeitung, sondern geriet zur klassenkämpferischen Abrechnung mit der Schweizer Armee und dem Bürgertum.
Der Zürcher Strafrechtsprofessor Peter Noll nahm sich dem Thema 1980 an: Sein Buch «Landesverräter – 17 Lebensläufe und Todesurteile» gilt bis heute als Standardwerk. 


 

Kommentare

regina moeckli

Leider hat das Schweizer Volk und sein Staat die Vernetzung in das nationalsozialistische Wirken nie bewusst zur Kenntnis genommen und auch nicht aufgearbeitet. So erstaunt dessen unbeachtete Fortsetzung auf dem Boden des Unbewussten kaum, ist aber nichtsdestrotrotz erschreckend. Solch nach wie vor bestimmendes Gedankengut muss erkannt werden und an den Wurzeln gefasst um zu verhindern, dass letztendlich wieder ein Volk oder ein Teil des Volkes diskriminiert werden kann.


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