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Lehrplan 21

Eine Woche länger büffeln

Im Sommer wird im Kanton Bern der Lehrplan 21 eingeführt. Weil dieser mehr Lektionen vorsieht, müssen die Schulen die Unterrichtsstruktur anpassen. Einige Gemeinden setzen dabei auf weniger Ferien.

Für alle gleich viel: Einige Gemeinden nutzen denLehrplan 21 auch, um eine einheitliche Ferienordnung über alle Stufen einzuführen. Symbolbild: Keystone

von Jana Tálos

Über den Lehrplan 21 wurde in der Vergangenheit viel gestritten. Zu theoretisch sei er, zu weit weg vom Alltag der Schule, zu viele Vorschriften. Zudem sei die Bevölkerung nicht in die Erarbeitung des Lehrplans einbezogen worden, was dazu führte, dass in einigen Kantonen Initiativen gestartet wurden, die mehr Mitbestimmung fordern. So auch im Kanton Bern, wo am 4. März über die Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk!» abgestimmt wird.

Unabhängig davon, wie die Abstimmung ausgeht, will der Kanton ab dem 1. August 2018 mit der Einführung des Lehrplan 21 beginnen. Die Fortbildungen der Lehrpersonen sind weitgehend abgeschlossen, die Inhalte mehrheitlich ausgearbeitet. Was jetzt noch fehlt, ist die konkrete Anpassung der Stundenpläne – eine relativ komplexe Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass in den neuen Lehrplan die Schulstrukturen von 21 verschiedenen Kantonen aus der Deutschschweiz einfliessen.

Gemeinden dürfen selbst entscheiden

Die grösste Veränderung betrifft im Kanton Bern die Anzahl Lektionen. In den Fächern Deutsch und Mathematik hatte man bisher im Vergleich zu anderen Kantonen zu wenig Stunden, wie es in einer Broschüre der Erziehungsdirektion heisst. Die Gesamtzahl der Lektionen pro Woche wird deshalb auf das kommende Schuljahr erhöht. Davon scheinen vor allem die 1. und 2. Klasse sowie die 5. und 6. Klasse betroffen zu sein, wie ein Blick auf die Lektionentafeln zeigt.

Da der Lehrplan 21 von 39 Schulwochen pro Jahr ausgeht, dürfte die Erhöhung der Lektionenzahl mancherorts zu grösseren Konsequenzen führen. Während bei Klassen der Sekundarstufe I schon seit einigen Jahren das 39-Wochen-Schuljahr eingeführt wurde, wird in vielen Gemeinden in den unteren Stufen nur während 38 Wochen pro Jahr unterrichtet. Soll heissen: Führt der neue Lehrplan schon bei einem 39-Wochen-Schuljahr zu mehr Lektionen, wirkt sich das bei 38 Schulwochen noch extremer aus. Als Beispiel: Ein Erstklässer dürfte wöchentlich fast drei Lektionen zusätzlich zur Schule gehen, bei einem Fünftklässler wären es vier – also quasi ein ganzer Nachmittag mehr als bisher.

Um die zusätzlichen Lektionen im Stundenplan aufzufangen, bleiben den betroffenen Gemeinden zwei Möglichkeiten: Entweder sie integrieren sie im bisherigen Stundenplan, oder aber sie streichen die zusätzliche Ferienwoche, die sie bisher frei einsetzen konnten. «Wir überlassen es den Gemeinden, sich für die eine oder andere Variante zu entscheiden», sagt Erwin Sommer von der Erziehungsdirektion des Kantons Bern. Beides hätte Vor- und Nachteile. Die Erziehungsdirektion gebe deshalb keine Empfehlung ab.

Der Einfachheit halber vereinheitlicht

Da es keine strikte Vorgabe gibt, wird aktuell auch innerhalb der Seeländer Gemeinden darüber debattiert, welche Variante man bevorzugen soll. Wer von 38 auf 39 Schulwochen wechselt, hat den Vorteil, dass die Schüler um einige der zusätzlichen Lektionen entlastet werden. Zudem kann so die Ferienordnung vom Kindergarten bis zur 9. Klasse vereinheitlicht werden. «Für eine Familie, die Kinder in verschiedenen Schulstufen hat, wird die Ferienplanung damit einfacher», sagt etwa Martina Casanova vom Schulsekretariat Grossaffoltern. Man werde deshalb beantragen, die zusätzliche Woche Frühlingsferien in der Unterstufe zu streichen.

Auch in Brügg will man die Ferienwoche im Frühling weglassen. Dies bringe nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Lehrpersonen und den Schulbetrieb Vorteile, wie Schulleiter Res Marti ausführt: Eine einheitliche Regelung erleichtert die Organisation der Tagesschule und des Mittagstisches sowie auch die des Hausdienstes. Und auch die Lehrpersonen, die stufenübergreifend arbeiten, hätten so weniger Aufwand.

Anders sieht man es in Nidau, wo die Schüler vom Kindergarten bis in die 4. Klasse weiterhin 38 Wochen im Jahr unterrichtet werden. Dies vor allem deshalb, weil es so mit dem Stundenplan besser aufgehe. «Bei 39 Schulwochen müssten am Nachmittag noch fünf Lektionen stattfinden.Weder ein Dreierblock noch ein Nachmittag mit nur einer Lektion ist sinnvoll», heisst es. Ähnlich sieht man es in Seedorf, wo man vom Kindergarten bis zur 6. Klasse an 38 Schulwochen festhält.

Wechseln, weil es die anderen tun

Ob man künftig mit 38 oder 39 Schulwochen fährt, hängt auch davon ab, wie sich die Gemeinden rundherum entscheiden. Viele führen eine gemeinsame Oberstufe oder einen Schulverband, sodass eine Vereinheitlichung der Ferienordnung Sinn macht. Walperswil und Radelfingen orientieren sich an Aarberg, wo 39 Schulwochen bereits die Regel sind. Bellmund, Jens, Hermrigen und Merzligen schicken ihre Schüler nach Nidau in die Oberstufe weshalb man sich eher in diese Richtung orientiert. Sollte man feststellen, dass 38 Schulwochen nicht mehr tragbar seien, würde man die Ferienordnung ebenfalls anpassen, sagt Stephan Alioth, Schulkommissionspräsident von Hermrigen. «Wie immer werden wir auch nach der Einführung des Lehrplan 21 das Schuljahr evaluieren.» Und allenfalls Anpassungen vornehmen.

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Was ist der Lehrplan 21?

  • Der Lehrplan 21 ist ein Projekt der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz und wurde zwischen 2010 und 2014 erarbeitet.
  • Mit dem gemeinsamen Lehrplan der 21 Kantone setzen diese Artikel 62 der Bundesverfassung um, der fordert, dass die Ziele der Volksschule harmonisiert werden.
  • Die Angleichung der Lehrpläne soll es Familien und Lehrpersonen vereinfachen, den Kanton zu wechseln sowie den Übertritt von Sekundarstufe I in Sekundarstufe II erleichtern. jat

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