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«Seegfrörni»

Diese Eisbahn ist zwar riesig, aber leider sehr selten

Dass der Bielersee vollständig zufriert, kommt sehr selten vor. Im 20. Jahrhundert war das nur dreimal der Fall: 1929, 1956 und 1963. Wo sind die Winter von früher? Ein Meteorologe erklärt.

1929 gefror der Bielersee zum ersten Mal im 20. Jahrhundert komplett zu. copyright: memreg

Wer es damals erlebt hat, kann sich mit Sicherheit noch daran erinnern: 1963 war der Bielersee vollständig zugefroren. Am Morgen des 18. Januar, mitten in einem eisigen Winter, begaben sich Walter Louis und Kurt Romann, zwei Winzer aus der Region, als erste auf die riesige natürliche Eisbahn. Mit Schlittschuhen machten sie sich von Ligerz zur St. Petersinsel auf, wo sie - der damaligen Tradition entsprechend - mit einem Sack Nüsse belohnt wurden. In der Folge war die Eisschicht so dick, dass einige mit dem Motorrad, dem Auto oder sogar in einer Pferdekutsche unterwegs waren.


Seegfrörni 1963: Ein Blick auf den Hafen von Tüscherz. copyright: memreg

 

Ein vollständig zugefrorener Bielersee ist ein sehr seltenes Phänomen. Im 20. Jahrhundert war dies nur dreimal der Fall: 1963, 1929 und 1956. Es kam häufiger vor, dass der See teilweise zugefroren war. Aber auch dies stellte ein aussergewöhnliches Vorkommnis dar, das sich seit 1700 weniger als zwanzig Mal ereignete.

Viele Faktoren spielen Rolle

Damit sich an der Wasseroberfläche Eis bildet, müssen gewisse Bedingungen herrschen. «Von Oktober bis April müssen die durchschnittlichen Tagestemperaturen unter Null insgesamt weniger als -160 Grad betragen», erklärt Lionel Fontannaz, «Wetterfrosch» bei Meteo Schweiz. Diese Kälteanhäufung kann bei mehreren Kälteperioden oder nach einer längeren Periode mit grosser Kälte erfolgen. Erforderlich ist beispielsweise eine Durchschnittstemperatur von minus 8Grad während drei Wochen. Im Januar 1963 betrug die Anhäufung der Temperaturen minus 410 Grad.

Dieser Durchschnitt variiert von einem See zum anderen, da für eine «Seegfrörni» noch weitere Faktoren eine Rolle spielen: die Seetiefe, sein Volumen sowie die Art der Wasserläufe, die in den See münden. Die Topografie der Umgebung spielt ebenfalls eine Rolle. Ein in einem Tal gelegener See gefriert eher, da sich die kalten Wassermassen anhäufen. Schliesslich können «ruhige Winde den Prozess beschleunigen. Bei Wind entstehen Wellen, welche die Eisbildung verlangsamen oder beeinträchtigen», fügt Lionel Fontannaz hinzu.

Beim Bielersee können unterirdische Warmwasserquellen auf der Höhe des Doubs die Wassertemperatur beeinflussen. Wie Taucher berichtet haben, versiegten diese während der Arbeiten am Strassentunnel in den Neunzigerjahren aber nahezu vollständig.

Steckengebliebenes Boot

Im Februar 2012 war der Bielersee letztmals teilweise gefroren. Insbesondere der Hafen von Erlach war vollständig mit Eis bedeckt.


Die letzte kleine Seegfrörni: 2012 war die Eisschicht am Erlacher Hafen so dick, dass man sich gefahrlos darauf aufhalten konnte. copyright: olivier gresset/bieler tagblatt

 

Zuvor muss man ins Jahr 1985 zurückgehen: Nach einer eisigen Nacht mit minus 22,6 Grad in Biel war der See über mehrere Hundert Meter gefroren.


1985 blieb die JJ Rousseau im Hafen von Biel stecken. copyright: memreg

 

Ein von Erlach gestartetes Schiff der Bielersee Schifffahrt blieb im Eis stecken. Der Kapitän musste seine Passagiere bitten, auf ein anderes Schiff umzusteigen, um das Schiff zu befreien. Anschliessend konnte er nach Neuenstadt weiterfahren. Daraufhin wurde der Schiffsverkehr während 25 Tagen unterbrochen. Zwischen Vingelz und Nidau betrug die Eisschicht 13 Zentimeter. Dies reichte aus, um auf den Schlittschuhen von einem Ufer zum anderen zu gelangen. Dieses Jahr ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass der See gefrieren wird. Derzeit betragen die Temperaturen unter Null insgesamt nur minus 14,5 Grad. dni/rw

Diese Aufnahme vom gefrorenen Bielersee stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1950. copyright: memreg

 

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