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Studen

Den Kindern ihre Rechte näherbringen

Die Fachstelle Kinder- und Jugendarbeit «Träffpoint» sensibilisiert Seeländer Schülerinnen und Schüler zum Thema Kinderrechte. Denn am 20. November findet weltweit der Tag der Kinderrechte statt. Das BT war in Studen an einer dieser Lektionen dabei.

Nadja Forster erklärt einer Gruppe Kindern ihre Rechte. Bild: dma

Man stelle sich vor ein siebenjähriger Junge aus Biel flüchtet aus der Wohnung seiner Eltern. Er wurde Opfer physischer Gewalt, schläft nun in einer BTI-Unterführung ohne Matratze, ohne Decke — direkt auf dem harten Beton des Trottoirs. Unvorstellbar? Hier vieleicht. In der Heimat eines Jungen namens Milon sieht es anders aus.
«Milon lief als Siebenjähriger von seinem Zuhause weg, weil ihn sein Vater geschlagen hat», erzählt Nadja Forster in ruhigem Ton. Er sei in Bangladesch geboren führt sie weiter aus und fragt : »Wisst ihr, wo Bangladesch ist?» Die Frage beantwortet eine Schülerin mit: «Wo ist denn bitte Bangladesch?» Nadja Forster zeigt den Kinder das Land auf einer Weltkarte. Es geht ein Raunen durch die Gruppe. Sie hätten schon gedacht, dass sich das Land etwa dort befinde. Obwohl die Schüler mit ihren Aussagen lässig wirken und Nadja Forster ein wenig imponieren wollen, merkt man ihren Gesichtern an: Die Geschichte von Milon beschäftigt die Viertklässler. Sie fühlen mit ihm mit, hängen der Jugendarbeiterin gespannt an den Lippen. Nachdem Forster erzählt, dass Milon auch nie in die Schule gehen konnte, meint ein Schüler der Klasse: «Mir würde das also wirklich nichts ausmachen.» Nach kurzem Überlegen revidiert er aber seine Aussage und erkennt, dass Schulbildung in manchen Ländern als Privileg gilt und ist dann doch froh, die Schule besuchen zu dürfen. Sichtlich erleichtert sind die Kinder, als die Jugendarbeiterin ihnen sagt, dass es Milon jetzt gut gehen und er in einem Heim der Unicef Unterschlupf, tägliche Verpflegung und Schulbildung erhalte.


Vorbereitungen
Die Kinder- und Jugendfachstelle «Träffpoint» führt diese Lektionen in Voraussicht auf den Tag der Kinderrechte durch, der am 20. November stattfinden wird. Der Freitagmorgen, an dem diese Sensibilisierungslektionen stattfinden, beginnt angenehm. Im Lehrerzimmer hängt Kaffeeduft in der Luft. Die Sonne scheint in die Zimmer. Draussen, während der grossen Pause, geniessen die Schulkinder der Unterstufe in Studen ihr Znüni. Fast schon idyllisch geht es im und um das Schulhaus zu und her. Doch nicht alle können die grosse Pause geniessen. An einem Pult im Schulzimmer der 4. Klasse bereiten sich Nadja Forster und Yannick Bürge auf die bevorstehenden zwei Lektionen vor. Kärtchen und Poster zum Thema Kinderrechte werden hervorgeholt. Die Jugendarbeiter besprechen, wer welche Themenblöcke übernimmt. Beide  für «Träffpoint» in Studen. Forster absolviert ein 50-Prozent-Pensum, Bürge befindet sich im Praktikum.
Auch Tanya Fahrni, die Klassenlehrerin, hilft während ihrer Pause bei den Vorbereitungen. Die beiden Frauen im Raum kennen sich gut. Die Jugendfachstelle befindet sich in regem Austausch mit Lehrern und Schulleitung, dient als pädagogische Schnittstelle zwischen Schulischem und Privatem.


Aus Spiel wird Ernst
Die grosse Pause ist zu Ende. Vom Flur schallen Satzfetzen in das Klassenzimmer: «Die Jugendfachstelle ist hier.» Aufgeregt strecken einige Kinder ihren Kopf durch den Türrahmen, bevor sie das Klassenzimmer betreten. Artig geben sie den Jugendarbeitern und der Lehrerin die Hand und bilden dann am Boden einen Sitzkreis. Nadja Forster wartet mit dem Beginn der Lektion bis zum Klingeln der Glocke, obwohl die Viertklässler schon gespannt sind, was ihnen gleich erzählt wird.
Als die Lektion dann endlich beginnt, stellen sich die Jugendarbeiter den Kindern vor. Mit einem Spiel, indem eine Schnurklungel von Kind zu Kind geworfen wird, wobei die Schnur von jedem Kind immer festgehalten wird, stellen sich die Kinder vor. Nicht immer klappt das Spiel reibungslos. Manchmal wird vergessen, die Schnur vor dem Weiterwerfen der Klungel festzuhalten. Dies führt zu einigen Lachern und lustigen Situationen. Die Kinder haben sichtlich Spass daran. Nachdem sich alle vorgestellt haben und die Schnur wieder sauber zu einem Ball zusammengerollt ist, geht es ans Eingemachte.
«Wisst ihr, welche Rechte Kinder in der Welt haben?», fragt Forster in die Klasse. Schnell schiessen die Hände in die Höhe. Ein Kind nach dem anderen nennt ein Kinderrecht. Die Antworten klingen erwachsen, die Lehrerin und die Jugendarbeiter staunen, wie schnell sich alle Kinderrechte, mit Kreide und fein säuberlich in Schnürchenschrift geschrieben, auf der Wandtafel wiederfinden. Die Kinder sind einerseits stolz, so schnell alle Rechte zusammengetragen zu haben, andererseits aber wird ihnen bewusst, dass nicht in allen Ländern dieser Welt die Kinderrechte eingehalten werden. Langsam wird ihnen der Ernst des Themas klar. Das Klingeln entlässt die Kinder dann in die kleine Pause.


Aktiv bei allen Jugendlichen
Die Kinder- und Jugendfachstelle veranstaltet nicht nur Sensibilisierungslektionen zum Thema Kinderrechte. Auch zu allseits aktuellen Schulproblemen wie Mobbing, Gewalt und Drogen bieten sie Hilfestellung an. Letzteres sei für die Kinder in der 4. Klasse sicher weniger relevant, doch bei Schülern der Oberstufe komme das Thema zur Sprache. «Man muss hier aber aufpassen, wie man an die Jugendlichen herantritt», sagt Nadja Forster und meint weiter: «redet man zu stark auf die Betroffenen ein, kann es passieren, dass sie nicht mehr mit sich sprechen lassen.» Meist seien in solchen Fällen aber die Eltern und Lehrer schon auf die Problematik aufmerksam geworden und eine Lösung werde oft gefunden.


Aus Ernst wird wieder Spiel
Die neue Lektion beginnt mit einem Spiel. Die Klasse wird in zwei Gruppen geteilt. Jetzt geht es darum, wie sich Kinder untereinander respektvoll begegnen. Die Kinder erhalten Charaktereigenschaften wie respektvoll, lustig, klug oder auch faul, gemein oder gross und klein zugeteilt, die sie dann vor der jeweiligen Gruppe pantomimisch oder mit Worten darstellen müssen. Falls die Gruppe die Charaktereigenschaft erkennt, kriegt sie einen Punkt. Den Kindern soll so spielerisch vermittelt werden, dass sie alle anders sind und man das respektieren soll. Da bei dem Spiel Punkte gezählt werden und eine Gruppe gewinnen kann, herrscht ordentlich Feuer unter dem Dach des Klassenzimmers. Alle machen voller Elan mit, wollen als erste in die Preiskiste greifen, die die Jugendarbeiter mitgebracht haben. Als die Glocke zum Mittag läutet, sind alle Kinder mit Sugus und Kugelschreibern versorgt und begeben sich nach Hause. Sie haben frei am Nachmittag und nicht wenige der Klasse werden ihn im Zentrum der Kinder- und Jugendfachstelle verbringen. Es findet ein Backnachmittag statt.

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