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Vinelz

Wo sich Hackbrett und Stromgitarre treffen

So viele verschiedene Instrumente wie am Openair am Bielersee sieht man selten an einem Festival. Der Stilmix ist extrem. Die 26. Ausgabe glänzte unter anderem mit Tanzmusik dreier sogenannter Orchester.

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Auftritt der Band Carson am Openair am Bielersee

von Janosch Szabo

Das Meer vor Augen, unter Palmen sitzend, in der Hand einen Kokosnusssaft - die Szenerie in Vinelz auf der Strandwiese am brütend heissen Samstagnachmittag ist nicht weit davon entfernt. Nur, dass die Bäume Birken sind, und das grosse Wasser der Bielersee. Aber mit den karibischen Klängen von Rich Man’s Kitchen Orchestra fühlt sich das Ganze einfach sehr südlich an. Die sieben Männer und Frauen sorgen an Tuba, Conga, Schlagzeug, Piano, Gitarre, Bass und Klarinette für viel Swing. Ihrem Mix aus Calypso, Blues und Ska kann sich denn trotz Hitze-Schlappheit auch kaum jemand entziehen. Immer mehr erheben sich zum Hüftschwung oder gar zu einem engagierten Tänzchen zu zweit. Ein paar Kinder machen das Rad und andere Kunststücke.

Danach oder auch dazu heisst es: ab in den See. Schon seit über zwei Dutzend Jahren sorgt er für die unvergleichliche Atmosphäre des Vinelzer Openairs, selten war er aber zwecks Abkühlung so gefragt wie heuer - und mit ihm die kalte Dusche danach.

 

Das ganze Spektrum

Musikalisch setzt Mario Batkovic das nächste Ausrufezeichen. Allein mit seinem Akkordeon betritt er die Hauptbühne. Dicht sind die Klangteppiche, die er mit seinem virtuosen Tastenspiel legt, eindringlich und stimmungsvoll, schwankend zwischen fröhlich und melancholisch, sanft hauchend und laut stampfend, zwischen Staccato und Vibrato. Die Festivalbesucher sind alsbald unweigerlich in seinem Bann, trotz sengender Sonne auf dem zentralen Festivalplatz. Es ist anspruchsvolle Musik, die da geboten wird, nicht einfach Nebenbei-Unterhaltung, aber das Publikum bleibt dran, fasziniert von der reichen Ausdruckskraft dieser Verschmelzung von Mensch und Instrument.

Was danach im Programm folgt, ist bezeichnend für das Openair am Bielersee: Hardcore, Poetry Slam, Country, Elektro - eine schier unglaubliche Abfolge von Darbietungen höchst unterschiedlicher Sparten. In Vinelz existieren sie einfach nebeneinander, und werden - das ist das Bemerkenswerte - alle beachtet und beklatscht. Die einen mögen dies, die anderen das, und viele lassen sich einfach gerne auf Neues ein. Zu entdecken gibt es auf jeden Fall immer viel, gerade in Jahren wie diesem, ohne grosse Namen.

 

Die volle Ladung

Zum Beispiel das Volca Massaker Orchester, welches am Samstagabend die Waldbühne rockt: Auf den ersten Blick ein Chor in Arbeiterkluft, fünf Männer und eine Frau in knallroten Overalls hinter dicken Notenständern. Doch ihre Münder bleiben zu, ihr bleibt Blick gesenkt, ihr Gesichtsausdruck hochkonzentriert. Sie haben zu tun. Sie schrauben und drücken, regulieren und stöpseln. Was sie da machen? Sie produzieren Live-Elektro-Sound, der heftig in die Glieder fährt. Ein Spektakel mit minimalen Bewegungen auf der Bühne und maximalen davor. Ein Set wie aus einem Guss, allerdings voller Improvisation, wie der Faszinierte später in Erfahrung bringt. Und was er sich sonst noch fragt: Wer trägt da eigentlich was bei? Der mit dem Rossschwanz, der mit der Glatze, die Gelockte, der Wuschelkopf, der Gel-Stränen-Typ und der mit der Igelfrisur. Sie tun alle was hinter ihren Notenständern, aber man sieht nicht wie bei einem Trompeter oder Gitarristen, wie die Töne entstehen, die aus den Boxen kommen. Ein irritierendes Erlebnis.

Am Sonntagmorgen dann ein weiteres Exempel dafür, wie erfrischend überraschend die Openair-Veranstalter in Vinelz immer wieder programmieren. Beim Unterstand, wo am Vorabend noch Junge am Töggelikasten zockten, spielt nun der 91-jährige Karl Rechsteiner auf seinem Hackbrett. Und auch das passt. Seine urchigen Heimatklänge, seine Spielfreude und sein Charme sorgen alsbald für einen ansehnlichen Menschenauflauf. Rechsteiners Erscheinung hat so gar nichts zu tun mit jener Rampensau, die am Vorabend als Kopf der Garage-Surf’n’Roll-Gruppe Denner Clan einheizte. Und doch gabs für beide an ein und demselben Anlass ordentlich Applaus.

 

Der gefühlvolle Schluss

Nun aber zurück zu den Orchestern. Ein drittes nämlich sorgt letztlich am traditionellerweise kostenlosen Sonntag für einen schönen Abschluss des Festivals, das Berliner Skazka Orchestra. Mit Posaune, Trompete, Kontrabass, Schlagzeug, Gitarre und Akkordeon rufen die im letzten Moment Angereisten nochmal so richtig den Tanzbär auf die Matte. Die Truppe macht geschmeidige Übergänge, variiert in den Tempi und strahlt Spielfreude aus, die ansteckt. Fröhlich ist ihr Klezmer-Gipsy-Ska, was manch müdes Bein zu neuem Leben erweckt.

Und doch schwingt auch immer ein wenig diese Traurigkeit der östlichen Musik mit. Das darf sein, schliesslich naht das Ende eines einmal mehr gelungenen Festivals auf der Vinelzer Strandwiese, wo am Ausgang - auch das hat Tradition - allen ein persönliches «chömet guet hei» mit auf den Heimweg gegeben wird.

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