
Es ist das Jahr 1933, die grosse Depression ist im vollen Gange. Tante May und Peter Parker werden während einer Demonstration im Central Park von einem aufgewiegelten Mob bedrängt, werden aber durch den Journalisten Ben Urich in Sicherheit gebracht. Dieser arbeitet für den Daily Bugle und sammelt gegenwärtig Beweise gegen den Unterwelt-Boss Norman Osborn, auch bekannt unter dem Spitznamen «Goblin». Wie es der Zufall will, vermutet Peter hinter dem «Goblin» auch den Mörder seines geliebten Onkel Bens. Urich nimmt Peter unter seine Fittiche und lässt ihn als seinen Assistenten arbeiten, wodurch er eines Abends mitkriegt, wie Osborns Handlanger diverse gestohlene Antiquitäten in einem Warenhaus abladen. Dabei zerbricht eine Spinnenstatue, worauf Dutzende von Spinnen aus der Antiquität herauskrabbeln und sich über die Männer hermachen. Auch Peter wird dabei gebissen und fällt in Ohnmacht.
Es ist durchaus eine interessante Thematik, die uns die Autoren Hine und Sapolski präsentieren. Bekannte Figuren aus dem Marvel Universum werden in die 30er-Jahre versetzt und erhalten einen passenden Anstrich. So sind insbesondere die Bösewichte realistischer gehalten: Der Geier fliegt nicht mit künstlichen Flügeln umher, sondern hat den Spitznamen deshalb, weil er ein Faible für Menschenfleisch entwickelt hat. Und auch Osbornes Spitzname «Goblin» bezieht sich nicht auf ein Kostüm, sondern auf eine Hautkrankheit. Natürlich gibt’s doch noch eine Prise an Fantasy, wobei diese wirklich auf ein Minimum reduziert wird: Peter Parkers Kräfte entsprechen mehr oder weniger jenen des regulären Spider-Man: Spinnfäden die aus den Händen schiessen und ihn auch an Wänden hinaufsteigen lassen. Sein Kostüm besteht hingegen aus einer einfachen schwarzen Maske und einem, für den Film-Noir-Stil typischen Trenchcoat. In Gefahrensituationen greift er auch gerne mal zur Schusswaffe, die er immer bei sich trägt.
Auch die Story passt sich dem Hintergrund an und leiert glücklicherweise nicht die bereits bekannte Origin-Story von Spider-Man ab. Die bekannten Eckpfeiler, wie der Tod seines Onkels sind zwar enthalten, werden aber in einem neuen Licht präsentiert und kommen gerade in diesem spezifischen Fall viel verstörender daher, als in der Originalgeschichte. Überhaupt wird Spidey mehr zur Nebenfigur degradiert, vielmehr konzentriert man sich auf den Journalisten Ben Urich, der im Gegensatz zu Spider-Man viel facettenreicher dargestellt wird und auch die interessanteste Entwicklung durchmacht. Genre-typisch ist zudem so ziemlich jede Figur korrupt und nur auf das eigene Wohl aus, was die Hauptfigur des Spider-Man zwar als alleinigen Helden zeigt, ihn aber auch zunehmend verzweifelt wirken lässt.
Fazit: «Marvel Noir» ist eine interessante Serie, die bekannte Figuren in einem neuen Licht erscheinen lässt. Fans dürfen mehr als nur einen Blick riskieren und auch Leser, die nicht alle Details des Spider-Man-Universums kennen, dürfen beruhigt zugreifen, ein Vorwissen wird nämlich nicht benötigt und die Geschichte ist mit diesem Band bereits abgeschlossen. Als nächstes werden die X-Men auf die Leser losgelassen, wo komplett auf Superkräfte verzichtet wird.
Info: Marvel Noir: Spider-Man
Autoren und Zeichner: D. Hine, F. Sapolski, C. Di Giandomenico, Softcover mit Faltcover, Seiten: 108, ISBN: 978-0-78513-944-7
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