Sie sind hier

"Memoreille"

Hinhören!

Es funktioniert wie Memory, aber mit Klängen statt mit Bildern: Das Spiel «Memoreille» von Gaudenz Badrutt vermittelt improvisierte und neue Musik auf spielerische Weise.

Gaudenz Badrutt, Kurator und Entwickler von "Memoreille". copyright: olivier gresset / bieler tagblatt

Tobias Graden

«Tarriggi-tanga-tongo-so!» Ein Fingertippen weiter: «Tagge-tungu-tanga-eeh...» Und weiter, ungefähr: «Sagga-dagga-dong.»
Da wird nicht gejandlt, das ist nicht lautmalerisch-konkrete Poesie, nein, das ist Franziska Schläpfer aka Big Zis, die da aus den Boxen oder den Kopfhörern dringt. Die Stimme der in Biel lebenden Rapperin mit einem Flair für Experimente verbirgt sich hinter den Kacheln im einfachsten Level von «Memoreille». «Asta Stunk» hat sie dieses Level benannt, es besteht aus acht «Karten». Aber das ist nur der Anfang.
Karten? Level? Memoreille?

Auge und Ohr

Stellen Sie sich das Spiel Memory vor, bei dem Karte für Karte aufgedeckt wird, und wer zwei gleiche Karten aufdeckt, kann diese behalten. Nun stellen Sie sich Memory virtuell vor auf dem Bildschirm eines Tablets, die «Karten» werden mit dem Finger angetippt. Und jetzt stellen Sie sich noch vor, dass sich hinter den Karten nicht Bilder verstecken, sondern kurze Musiksequenzen: Voilà, das ist «Memoreille» (zusammengesetzt aus «Memory» und «Oreille», französisch für «Ohr»).
Der Kopf hinter dem Spiel ist Gaudenz Badrutt. Der Komponist, Pianist und Elektronikmusiker aus Biel ist bekannt als der eine Teil von strøm, dem Improvisationsduo, das er zusammen mit Christian Müller bildet. Seit vielen Jahren ist dieses Duo fester Bestandteil der Improvisationsmusikszene, es bespielte etwa auch die Bieler Arteplage der Expo.02. «Mich fasziniert die Frage nach dem Unterschied zwischen dem visuellen und dem auditiven Gedächtnis», sagt Gaudenz Badrutt. Seine These: Das visuelle Gedächtnis hat einen höheren Stellenwert, wir sind getrimmt darauf, wir leben in einer Bilderwelt. «Memoreille» setzt einen Kontrapunkt: Es zwingt zum genauen Hinhören, zum Aufnehmen und Speichern von akustischen Informationen. Badrutt sagt: «Es wäre interessant zu erfahren, wer im Spiel einen Vorteil hat: Jene, welche die Klänge im Kopf mit Bildern oder Assoziationen verbinden oder jene, die sich einfach auf den Klang konzentrieren.» Ohnehin ist «Memoreille» eine Verbindung der zwei Bereiche, muss doch die Lage einer «Klangkarte» visuell erinnert werden.


«Öhrli in the morning»

Zehn Musikerinnen und Musiker aus dem Bereich der improvisierten und Neuen Musik haben von Badrutt einen Kompositionsauftrag erhalten (vgl. Infobox), jeder von ihnen hat je eine mehrteilige Komposition für die drei Schwierigkeitslevels geschaffen. Die einzelnen Kompositionen klingen sehr unterschiedlich, haben auch einen unterschiedlichen Abstraktionsgrad: Big Zis hat mit ihrer Stimme gespielt, Christoph Hess hat kurze Beat-Sequenzen entwickelt, Maru Rieben arbeitet sehr geräuschhaft, Jürg Kienberger kokettiert mit Gähnen («Öhrli in the morning»), einem Klavier und imitierten Blasinstrumenten, Jonas Kocher vereint einmal nervöse, hyperaktive Klangsequenzen, einmal ganz ruhige, feine Töne, die er allesamt seinem Instrument entlockt. «Memoreille» vereint eine breite Palette an Klängen, in Badrutts Worten: an «Klangereignissen», es sind 316 an der Zahl. Es ist dies neben dem eigentlichen Spiel, das für Kinder wie Erwachsene gleichermassen geeignet ist, der zweite wichtige Aspekt von «Memoreille»: Die Vermittlung von Spartenmusik, die buchstäblich spielerische Beschäftigung mit ihr. Während Konzerte mit improvisierter Musik üblicherweise gerade mal das ohnehin interessierte (und bisweilen nicht sehr zahlreiche) Publikum anlocken, vermag «Memoreille» auch Leuten zu gefallen, die mit dieser Musik sonst nichts am Hut haben – oder gar noch nicht auf sie aufmerksam geworden sind. Wer spielt, wird selber zum Komponist: Die gespielte Sequenz wird aufgezeichnet und kann am Schluss abgehört werden. Laut Badrutt ist dies eine Anlehnung an das «musikalische Würfelspiel», also eine bereits von Mozart verwendete «Kompositionsmaschine».


Selber komponieren

Das Spiel ist bislang erhältlich für Mac und PC sowie iPad und iPhone. Eine Android-Version wird noch folgen. Das Spiel kostet im App-Store 7 Franken. Das ist vergleichsweise viel für eine App. Er habe den Preis bewusst nicht tief angesetzt, sagt Badrutt: «Der Preis soll die Wertigkeit dieses künstlerischen Produkts widerspiegeln.»
30 Prozent der Einnahmen gehen ohnehin an Apple, der Rest nach einem vorbestimmten Verteilschlüssel an den Programmierer Roman Schmid, die beteiligten Musiker und an «Kurator» Gaudenz Badrutt. Gerne würde dieser weitere Ausgaben des Spiels gestalten, Namen von Musikern, die er dazu einladen würde, fallen ihm genug ein. Denkbar wäre auch eine Version, die sich explizit an Kinder richtet, versehen mit der Funktion, eigene Sequenzen aufzunehmen.
Als Spielpartner eignet sich Badrutt nur noch für gute Verlierer: Nach zweieinhalbjähriger Arbeit an «Memoreille» kennt niemand die 316 «Klangereignisse» so gut wie er.

Die Beteiligten
• Roman Schmid: Programmierung
• Christian Müller: Bassklarinettist und Elektroniker, Biel
• Christoph Hess/Strotter Inst.: Turntable-Spieler, Bern
• Franziska Schläpfer/Big Zis: Rapperin, Zürich/Biel
• Hans Koch: Bassklarinettist, Komponist, Biel
• Jacques Demierre: Pianist, Komponist, Genf
• Jonas Kocher: Akkordeonist, Komponist, Biel
• Jürg Kienberger: Allerweltsmusiker, Theatermusiker
• Maru Rieben: Perkussionistin, Bern
• Ruedi Häusermann: Klarinettist, Komponist
• Gaudenz Badrutt: Pianist, Komponist, Elektroniker, Biel    tg

 

www.memoreille.ch

Nachrichten zu Kultur »