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Literatur

Hellwach in den weissen Nächten

In Urs Aebersolds Roman «Nuits Blanches» kostet eine Clique junger Leute aus Biel das Leben bis zur Neige aus. Es ist ein Text voller untergründiger Spannung.

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Christophe Pochon

Anspruchsvolle Jahre im Gymnasium liegen hinter ihnen, jetzt haben sie die Matura bestanden und wollen das Leben erst einmal so richtig geniessen. Drei Burschen und ein Mädchen aus ganz unterschiedlichen Familien, Louis, Paul, Alex und Celine, wollen sich von niemandem mehr dreinreden lassen. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, auch wenn sie längst nicht immer ein Herz und eine Seele sind.

 

Lokaltermin in Biel und Umgebung

«Nuits Blanches» nennt der Filmemacher und Autor Urs Aebersold seinen soeben erschienenen Roman. Aus gutem Grund. «Weisse Nächte» sind solche, in denen die Nacht zum Tag gemacht wird, in denen durchgefeiert wird, und die vier sind in einem Alter, in dem sie keinen Schlaf zu brauchen scheinen. Und so machen sie denn Biel und die Region unsicher; der Roman hat Lokalkolorit und Aebersold ist selbst mit der Stadt verbunden, hat er doch 1963 als 19-Jähriger hier die Matur gemacht. Seine Figuren hat er in eben diesem Jahr zur Welt kommen lassen.

Der Autor bewegt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen, für die er beide die Gegenwartsform benützt, einmal kursiv gedruckt für die Jugend der vier und einmal in Normalschrift für den Lebensabschnitt, in dem sie sich gut 50 Jahre später wiederfinden, also heute. So gibt es nie ein Durcheinander im Text, in beiden Epochen bleibt alles stets im Fluss.

Man darf sich der Lektüre inhaltlich getrost anvertrauen. Aebersold hat keine langatmige Erzählung geschrieben, sondern zum Mittel der lebendigen Augenblicksimpression gegriffen, die den Leser erreicht, berührt, fesselt. Louis, Paul, Alex und Celine gewinnen Konturen mit Ecken und Kanten. Drei junge Männer und eine Frau mit höchst dynamischem «Wettergeschehen» in Bezug auf ihre Stimmungen: heiter bis bewölkt, stürmisch oder sonnig, Hitze und jähe Abkühlung. Natürlich ist das Mädchen Objekt von Wünschen und Hoffnungen ihrer drei Kameraden, kommt es zu Annäherungsversuchen, Berührungen; aber sie respektieren es immer.

 

Hass zwischen Vater und Sohn

Sie stammen aus unterschiedlichen Elternhäusern, subtil, fein dosiert bringt der Autor das Verhältnis der Söhne und der Tochter zu ihren Müttern und Vätern auf den Punkt.

Mit theatralischen, vor Ironie nur so triefenden Ehrerbietungen treibt der irgendwie furchtlose Louis seinen herrischen Vater, Inhaber einer Firma, bewusst und gewollt zur Weissglut. Beide hassen sich, die hilflose Mutter steht dazwischen. Die sich anbahnende Katastrophe wird nicht bemerkt. Alex und Celine geht die Fürsorglichkeit ihrer Mütter gehörig auf die Nerven, jene von Paul ist krank, aber er kümmert sich liebevoll um sie.

Aebersold hat keine Klischeebilder entworfen. Solche Biografien gibt es immer und immer wieder. Viele von uns kennen entsprechende Schicksale aus dem näheren oder weiteren Umfeld, man hat selber eines durchlebt oder heute Prominente haben über eigene Erfahrungen berichtet.

 

Weisse Nächte, schwarze Nächte

Die vier jungen Menschen finden, wenn schon nicht im Elternhaus, so doch in einem Hudson mit Baujahr 1946, einem alten Amerikanerschlitten, eine mobile Geborgenheit. Der Wagen gehört Louis’ Vater, aber für den Sohn ist das kein Hinderungsgrund, sich ans Steuer zu setzen und seine Clique aufzuladen. Sie sind «on the road», (ständig) unterwegs, der Hudson ist das Werkzeug dazu, aber Louis, ein Suchender, will sich da auch ideologisch absichern.

Es ist kein Zufall, dass er den amerikanischen Schriftsteller Jack Kerouac (1922 bis 1969) und dessen Hauptwerk «On the Road» verehrt. Dazu passt, dass Kerouac selber ständig unterwegs war, ein unstetes Leben mit tragischen Einschnitten führte und schliesslich seiner Trink- und Drogensucht erlag.

In einer der wilden Nächte des Quartetts schlafen Louis und Celine schliesslich zusammen und Celine wird mit dieser Nacht später einmal allein klarkommen müssen. Denn Louis verschwindet kurz danach vor einem Gelage auf dem Boot seines Vaters beim gemeinsamen Baden mit seinen Freunden spurlos im dunklen See.

Die «weissen Nächte» münden in die schwärzeste Nacht purer Verzweiflung für zwei junge Männer und eine Frau. Nie taucht Louis‘ Leiche auf.

Louis hatte eine Seite an sich, die die andern nicht kannten. Der Leser ahnt erst und weiss dann mehr als Alex, Paul und Celine. Mit diesem Vorgehen schafft Aebersold Nervenkitzel pur. Ab jetzt ist es unmöglich, das Buch vor der letzten Seite aus der Hand zu legen, denn man möchte wissen, wer sich wie verhält bei des Rätsels Lösung, 30 Jahre später, vor einer Maturafeier …

Info: Urs Aebersold, «Nuits Blanches», Roman, 152 Seiten, tredition, Fr. 13.90 (Taschenbuch), Fr. 20.90 (gebunden).

 

Zum Autor

  • Urs Aebersold, 1944 in Oberburg geboren, 1963 Matura in Biel.
  • Ab 1964 Schauspielschule in Paris, dort erster Kurzspielfilm «S».
  • Studium an der Universität Bern. Weitere Kurzspielfilme.
  • 1974 erster Kinospielfilm «Die Fabrikanten» als Co-Autor, Co-Produzent und Regisseur.
  • Diverse Drehbücher für die Krimi-Serie «Tatort».
  • Freier Autor und Regisseur. 2016 erste Buchveröffentlichungen in Form von Erzählungen. cbp
Stichwörter: Buchbesprechung

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