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Solothurner Filmtage

Gemacht, um ihn zu lieben – oder nicht

In seiner Doku-Fiction «Annelie» gibt der Bieler Filmemacher Antej Farac jenen eine Stimme, die auf dem Abstellgleis stehen: Junkies, Alkis, Sozialfälle. Ein mutiger Film, der Farbe und Rock’n’Roll in das Schweizer Filmschaffen bringt.

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  • 10/10 Antej Farac. Bild: zvg
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SIMONE TANNER

Jemand hat in den Hof «gestuhlt». Ein deutlich grösserer Haufen von Möbeln und Gerümpel liegt daneben. «Kruzifix», flucht der Mann, der die Chose saubermachen muss. Ein Hund bellt. Lauter und immer energischer beschimpft der Mann die Bewohner des verwahrlosten Gebäudes. Einer nach dem anderen öffnet das Fenster und tritt auf den Balkon. Flüche, Schreie, Gegenstände fliegen in den Hof. Die Kamera schwenkt von einem Bewohner auf den anderen, um danach das ganze Orchester zu zeigen. Es ist die Ouverture zur Hinterhofsinfonie «Annelie». Geschrieben hat sie das Leben, dirigiert der Bieler Filmemacher Antej Farac.


Alkis, Junkies, Arbeitslose
«Annelie» ist der Name einer ehemaligen Pension in München. Das heruntergekommene Haus ist das Zuhause jener Menschen, deren Geschichte Antej Farac in seinem Film erzählt. Es sind Randständige, die die Stadt in diese Hütte abgeschoben hat – Arbeitslose, Alkis, Junkies, Hartz-IV-Empfänger.
Da ist zum Beispiel Franz, der in Amerika eine grosse Farm hatte. Nach der Scheidung von seiner Frau kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zum Sozialfall. Oder Hedi, Schweizerin aus reicher Familie, deren Ex-Mann und Banker mit dem ganzen Geld abgehauen ist. Nun lebt sie in der «Annelie», pflanzt auf dem Dach Marihuana an und sieht die Welt durch eine rosarote Brille. Auch Güni und Laura wohnen in der Absteige – der Alki, der nur noch einen Lungenflügel hat, und die «Spätzündertranse». Oder Yogi und Mimi, die Betreiber des Kiosk und Kim, das einzige Kind im Haus und viele mehr.


«Polierte Realität»
Der Film entstand als Teil eines Gesamtkunstwerks mit Fotos und Videoarbeiten. Farac bezeichnet sich selbst als Crossover-Künstler und den Film als soziales Experiment. Denn Güni und Co. sind echt.
Die meisten Darsteller sind Laien und spielen sich selbst oder jemanden aus ihrem Umfeld. Was im Film passiert, hat fast alles auch in Wirklichkeit stattgefunden, auch das traurige Ende mit der Schliessung und dem Abbruch der «Annelie». Antej Farac hat dies alles miterlebt. Während seines Studiums an der Filmschule in München hat er gleich gegenüber der «Annelie» gewohnt und sich mit den Nachbarn angefreundet. «Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich da alles erlebt habe», erzählt Farac und wird nachdenklich, «so viel Elend. Alles konnte ich im Film nicht zeigen.» «Annelie» widerspiegle eine «polierte Realität», auch aus Rücksicht auf die Menschen.


Von Ulrich Seidl beeinflusst
Zur Realität kommt eine Portion Fiktion hinzu. Einmal durch den abgedrehten Plot, in dem die Rockband Kiss eine Hauptrolle spielt, deren glitzernde Scheinwelt mit der harten Realität kontrastiert. Zweitens durch sparsam eingesetzte visuelle Effekte, mit denen Farac eine gewisse Distanz und «Künstlichkeit» erzeugt. Und drittens – und vor allem – durch den Schauspieler Georg Friedrich. Der Österreicher ist in der Hauptrolle des Junkies Max zu sehen. Als Erzähler sorgt er zudem für den roten Faden. «Er ist für mich der zurzeit beste deutschsprachige Schauspieler und der einzige, der diese Echtheit spielen konnte», sagt Farac nicht ohne Stolz, den Lieblingsschauspieler von Ulrich Seidl für seine Low-Budget-Produktion gewonnen zu haben.
Mit Ulrich Seidl, der gestern auch in Solothurn weilte und den zweiten Teil seiner Paradies-Triologie zeigte, verbindet Farac nicht nur Georg Friedrich. Der österreichische Regisseur hat den Wahlbieler klar geprägt. Ähnlich wie dessen Filme, lebt «Annelie» von der mutigen Konfrontation mit den unangenehmen, tabuisierten Seiten der Gesellschaft. «Annelie» ist eine schonungslose Milieustudie, die die Protagonisten nicht blossstellt, aber auch deren menschliche Unzulänglichkeiten nicht verschweigt. «Ich wollte die soziale Thematik zeigen, ohne die Leute vorzuführen, aber auch ohne in Sozialromantik zu verfallen», erklärt Farac. Dem Filmemacher ist es gelungen, uns die kauzigen, verwahrlosten Existenzen sympathisch zu machen, nicht zuletzt mit Humor.
Doch wie funktionierten die Dreharbeiten mit einem Haufen alkoholisierter oder anderweitig angeschlagener Männer und Frauen? «Es war erstaunlich, wozu diese Menschen fähig waren», sagt Farac, «zumindest bis 18 Uhr.» Sie seien sehr diszipliniert gewesen, und der Alkoholkonsum sei während der Dreharbeiten deutlich zurückgegangen. «Sie wurden endlich einmal von jemandem gebraucht, hatten eine Aufgabe.» So ist «Annelie» nicht nur ein Film, sondern auch ein soziales Projekt. «Für einige war es die schönste Zeit ihres Lebens, wie sie mir versicherten», erinnert sich Farac. Und man weiss nicht, was ihn glücklicher macht, sein Film oder das Feedback seiner Protagonisten. Ein paar haben es nach der Schliessung der Annelie sogar geschafft, einen Job zu finden, Fuss zu fassen, vielleicht auch dank ihm. Andere allerdings leben heute auf der Strasse oder sind tot.


Ein Film wie ein Kiss-Song
«Annelie» ist kein Film, der sich nahtlos einreiht in all die braven Schweizer Komödien, tragischen und weniger tragischen Heimatfilme oder klassischen Dokumentarfilme. «Annelie» ist anders. Mutig, sperrig, polarisierend. Er geht einem auf die Nerven oder an die Nieren. Aber kalt lässt er niemanden. Ein radikaler, unzimperlicher Streifen. «Annelie» ist Rock’n’Roll. Ein Film wie ein Kiss-Song. Entweder, man ist gemacht, um ihn zu lieben – oder eben nicht.

Info: Solothurner Filmtage: «Annelie» ist heute Montag nochmals zu sehen. Um 12 Uhr im Kino Canva Blue in Solothurn
 

Antej Farac

 

  • 1972 in Mostar, im ehemaligen Jugoslawien geboren
  • 1990–92 Kunsthochschule (Grafik und Design) und Filmakademie in Sarajewo
  • 1994–2003 HFF München (Hochschule für Fernsehen und Film), Abteilung Regie. Während dieser Zeit Regisseur und Cutter von Kinotrailern, Musik-und Werbeclips sowie TV-Produktionen, Autor und dramaturgischer Berater für ARD-, BR- und ZDF-Produktionen,
  • seit 2003 Regisseur und Produzent von Dokumentar- und Corporate-Industriefilmen, Teilhaber und Creative Director der Schweizer Medienagentur «El Patrol Art & Advertising GmbH» in Biel.
  • Er lebt seit ein paar Jahren mit seiner Frau Zoë (Filmproduzentin) in Biel
  • Filmografie: Kurzfilme: «Meat Is Murder» (1993), «Westend» (1997), «Blitz» (1998). Dokumentarfilme: «Sipan – Ein vergessenes Juwel», «Elektro» (2002), «Biel-Bienne» (2003), Doku-Fictions: «Death of Techno» (2009), «Annelie» (2012)
  • Link: www.elpatrol.com

 

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