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Arno Camenisch

«Ein Mal im Leben fährt jetzt jeder mal über eine Kuh»

Arno Camenisch, der wohl bekannteste und erfolgreichste Abgänger des Literaturinstituts, legt sein neues Werk «Fred und Franz» vor. Ganz beiläufig erzählt er darin wieder davon, was das Leben ausmacht.

Arno Camenisch, der Meister der Lakonik. Bild: Yvonne Böhler/zvg

SIMONE TANNER

Arno Camenisch lächelt uns zurzeit mit seiner roten Wollmütze von Zeitschriften und Zeitungen entgegen. Fast kein Medium, das nicht über ihn berichtet. Den Shooting Star der Schweizer Literatur, den intellektuellen Naturburschen, den sympathischen Bündner und Vater. Alle wollen sie mit ihm wandern gehen, an seinem Küchentisch in Biel sitzen und über seine kleine Tochter sprechen. Camenisch macht mit. Er weiss sich mittlerweile zu verkaufen, kokettiert auch ein wenig mit seinem immer wieder betonten Einzelgängertum, das man ihm dann doch nicht ganz abnimmt. Zu herzlich, zu liebenswürdig, vielleicht auch zu attraktiv. Und zu oft im St. Gervais, in dem er manchmal auch an seinen Texten arbeitet. Der neuste heisst «Fred und Franz».


Szenen einer Freundschaft
Wie in einem Episodenfilm reiht Camenisch in diesem dünnen Büchlein 24 alltägliche Szenen einer Freundschaft aneinander. Fred und Franz unterhalten sich in der Sauna, im Auto, auf dem Sofa vor dem Fernseher und schauen dazu die Lauberhornabfahrt.
Wo sie leben, sind Frauen «schön wie der Winter». Fred und Franz sind zwei Bergler, einer mit Liebeskummer, der andere mit einer Taschenuhr aus Silber. Zwei «bödelete» Männer, «Tröchnine», würde man auf Berndeutsch zu solchen Typen wohl sagen. Zwei, die nicht viele Worte machen, auch nicht über die grosse Liebe. Doch die wenigen, kurzen Sätze, die sitzen. «Mensch sein ermüdet», sagt etwa der Fred. Und der Franz über Liebeskummer: «Das Herz wird dir schwer wie ein alter, nasser Bodenlumpen».
Man erkennt sich wieder und weiss genau, wovon Fred und Franz da sprechen. So sonderbar, wie überall geschrieben wird, sind Camenischs Figuren gar nicht. Sie sind so viel oder so wenig Sonderling wie Arno Camenisch selbst. Oder wie du und ich.
Sie streben wie wir nach dem kleinen bisschen Glück. Sind dabei jedoch genügsam, jagen nicht jedem Höhepunkt nach. Sie fischen nicht nur, um einen Fisch zu fangen, «schon die Rute ein bisschen reinhalten tut gut».
Camenisch beweist sich wie bereits in der Bündner Trilogie («Sez Ner», «Hinter dem Bahnhof», «Ustrinkata») als Meister der Lakonik, der Reduktion. Hauptsatz reiht sich an Hauptsatz. Kein Wort ist zu viel.


Sinn für das Skurrile
Schauplatz ist ein kleiner Ort in Graubünden, im Hier und Jetzt. Camenischs Literatur konzentriert sich auf das Einfache, um vom Schwierigen zu handeln. Denn in den Alltagsgesprächen der beiden Freunde geht es um nichts weniger als die Liebe, das Leben, den Tod. Sie diskutieren über Anfänge und Enden. Und über alles dazwischen. «Das dazwischen muss man aushalten», sagt der Fred.
Der melancholische Grundton wirkt nie sentimental. Das Tragische ist zu nah am Komischen. Camenischs Sinn für das Skurrile, Absurde zu ausgeprägt: Schliesslich «fährt jetzt jeder mal über eine Kuh» und «die Einsamkeit ist ein Schimpanse». Leichtigkeit und Humor bringt Camenisch auch mit den bündnerdeutschen, romanischen und italienischen Einsprengseln rein. Sie verleihen dem Text wie seinen Vorgängern diesen einzigartigen Rhythmus, diese Musikalität. Man taucht ein in diesen Ton wie in die Aare. Zuerst zögerlich, um sich daran zu gewöhnen. Doch dann trägt er einen fort, immer weiter. Umgibt einen wie ein Cocon, so dass man nie mehr raus möchte.    


Info: Arno Camenisch: Fred und Franz. Engeler-Verlag, 2013. 80 Seiten, ca. 25 Franken.
Buchpremiere heute, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich. Morgen, um 22.20 Uhr, diskutieren Stefan Zweifel und Co. im Literaturclub auf SRF 1 über «Fred und Franz».

www.arnocamenisch.ch

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