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Bäriswil

Drohnen retten Bambi vor dem Mäher

Während der Grasernte fallen jeweils Tausende Rehkitze den Mähmaschinen zum Opfer. Um die Jungtiere vor ihrem sicheren Tod zu retten, haben Berner Forscher ein Drohnensystem entwickelt.

Die Drohne ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Bild: Walter Pfäffli

von Christoph Albrecht

Die Morgendämmerung über Bäriswil bricht langsam an, als Nicole Berger mitten auf einem staubigen Feldweg aus ihrem Auto steigt. Sie öffnet den Kofferraum, um ihre Arbeitsgeräte herauszunehmen: eine Drohne, eine Fernsteuerung und einen kleinen Bildschirm. «Es geht los», sagt sie zu ihrem Mann Walter und stellt ein Stativ auf.

Berger ist Forscherin an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen. Ihre Mission: die Rettung von Rehkitzen. Gerade im Mai und Juni leben die scheuen Tiere besonders gefährlich. Es ist die Zeit, in der die Rehe ihre Jungen gebären. Diese verharren während ihrer ersten Lebenswochen instinktiv in Wiesen mit hohem Gras, das sie perfekt vor Füchsen und anderen natürlichen Feinden schützt. Das vermeintlich sichere Versteck birgt jedoch eine tödliche Gefahr. Denn genau während dieser Wochen mähen die meisten Bauern ihre Heugrasfelder mit riesigen Mähmaschinen. Die Folgen für die Neugeborenen sind verheerend. «Jedes Jahr werden in der Schweiz mehrere Tausend Rehkitze durch Mähmaschinen getötet», sagt Berger.

Darunter leiden nicht zuletzt auch die Bauern. Denn niedergemähte Rehkitze stellen hygienisch ein grosses Problem dar. So entweichen aus den Kadaverteilen, die nach der Grasernte auf dem Feld liegen bleiben, gefährliche Leichengifte. Gelangen diese ins Silofutter der Kühe, kann dies unter Umständen ganze Viehbestände töten.

Rettung dank Drohne
Die Bemühungen der Landwirte und Jäger, die Rehe vor ihrem traurigen Schicksal zu bewahren, waren in der Vergangenheit enorm. So wurde etwa versucht, die Tiere von den Wiesen fernzuhalten, indem man reflektierende Gegenstände oder unangenehm riechende Stofffahnen aufstellte. Die Vertreibungsversuche brachten jedoch nicht den gewünschten Erfolg. «Auf Wiesen fühlen sich die Rehe zuhause», so Berger. Die Tiere würde es deshalb immer wieder auf die Felder ziehen. Sogar mit Hunden wurden wiederholt ganze Felder durchkämmt. Weil die Rehkitze aber praktisch keinen Eigengeruch verströmen, wird selbst die beste Spürnase nicht fündig.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat Berger zusammen mit ihrem Mann deshalb eine Methode entwickelt, bei der eine Drohne die versteckten Rehkitze auf dem Feld aufspüren soll: Eine Wärmebildkamera wird dabei an einem Minihelikopter befestigt, der schliesslich über die Felder schwebt. Dank der übertragenen Thermalbilder können die Jungtiere lokalisiert und schliesslich in Sicherheit gebracht werden.

Seit zwei Jahren kommt das System zum Einsatz — bereits 55 Rehkitze hat das Ehepaar damit schon retten können.

Effiziente Methode
«Die Methode ist äusserst schnell und effizient», sagt Walter Berger und lässt die Drohne mit der Fernsteuerung gekonnt in den Himmel steigen. Auf einer Höhe von 35 Metern über Boden fliegt der Multikopter — wie die Spezialdrohne in der Fachsprache genannt wird — die programmierte Route ab und durchsucht selbstständig das rund zwei Hektaren grosse Feld. Gebannt schaut Nicole Berger auf den Monitor. «Wenn sich etwas dunkelorange färbt, ist dies ein Hinweis auf ein Rehkitz», erklärt sie. Der Bildschirm bleibt jedoch grau. Nach rund fünf Minuten wird der Multikopter wieder zurück auf den Boden gesteuert. «Auf diesem Feld ist kein Reh», so die Agronomin. Die Wiese kann nun zum Mähen freigegeben werden.

Ein System mit Zukunft
Noch ist die Rehkitzrettung per Drohne «nur» ein Forschungsprojekt und schweizweit wenig verbreitet. «Die Finanzierung der Rettungsaktionen ist schwierig», sagt Berger. Alleine die Ausrüstung koste um die 20 000 Franken. «Wir sind auf ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen, die bei den Rettungen mithelfen», so Berger.

Das Interesse am neuen System wächst jedoch stetig: «Vor Kurzem habe ich in der Ostschweiz vier Teams ausgebildet», freut sich Berger. Auch würden sich vermehrt Bauern bei ihr melden, die ihre Felder vor dem Mähen mit der Drohne absuchen lassen wollen. So auch Hans Krähenbühl, dem das Feld in Bäriswil gehört: «Ich bin froh, dass ich nun wieder mit gutem Gewissen mähen kann», sagt der Landwirt.

Das Ziel von Nicole Berger ist klar: Sie möchte einen Fonds gründen und die Methode schweizweit etablieren. Ihr schwebt vor, dass dereinst jede Schweizer Gemeinde auf einen ausgebildeten Hobbypiloten zurückgreifen kann. Zusammen mit Wildhütern und Jägern sollten so künftig flächendeckende Rettungen durchgeführt werden. «Die Methode kann grosses Tierleid verhindern», sagt Berger. Und macht sich auf zur nächsten Wiese.

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