Sie sind hier

AKW Mühleberg

«Am Anfang wurden wir belächelt»

Nach dem Super-GAU in Fukushima haben Franziska Herren und Walter Kummer ihre Mission gegen das AKW Mühleberg gestartet. Obschon sie belächelt wurden, machten sie weiter. Mit Erfolg: In zwölf Tagen entscheiden die Stimmbürger über ihre Initiative «Mühleberg vom Netz».

Lebende Plakatständer: Walter Kummer und Franziska Herren setzten sich für eine Abschaltung des AKWs Mühleberg ein. Bild: Andreas Blatter

von Tobias Habegger

Die beiden AKW-Gegner stehen unter dem Baldachin beim Berner Bahnhof und halten den Passanten Plakate mit Anti-MühlebergParolen vors Gesicht. «Wir sind lebende Plakatständer», sagt die 47-jährige Franziska Herren aus Wiedlisbach. Der 53-jährige Walter Kummer, der neben ihr steht, nickt. Bald schon bleibt der erste Passant stehen, wohl ein Rentner. Er bellt die beiden an: «Wenn ihr euren Scheiss erfolgreich durchzieht, geht uns noch der Strom aus.» Der Rentner geht weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. Als Nächster stoppt ein junger Mann mit Dächlikappe und Sonnenbrille. Er will die beiden mit seiner Unterschrift im Kampf gegen das AKW Mühleberg unterstützen. «Die Unterschriften sind längst beisammen», antwortet Franziska Herren. «Aber Sie können uns mit Ihrem Ja an der Urne unterstützen.»

BKW nimmt bei einem Nein das AKW 2019 vom Netz

In zwölf Tagen kommt die kantonale Vorlage «Mühleberg vom Netz» zur Abstimmung. Die Stimmberechtigten entscheiden darüber, ob der Energiekonzern BKW sein Atomkraftwerk vor den Toren der Stadt Bern sofort abschalten muss. Falls die Initiative abgelehnt wird, nimmt die BKW das Werk 2019 freiwillig vom Netz.

Franziska Herren und Walter Kummer sind die Urheber dieser Abschaltinitiative. «Nach dem Reaktorunfall in Fukushima im März 2011 war ich schockiert, dass die Schweiz ihre Atomkraftwerke weiterhin laufen lässt», sagt Franziska Herren. «Ein Super-GAU würde unser Land emotional, finanziell und wirtschaftlich killen. Wir müssten unsere Heimat verlassen.»

Es gebe keinen Notfallplan für die Bevölkerung. «Das Wasser und die Böden wären verschmutzt. Menschen und Tiere würden ihre Lebensgrundlage verlieren.» Sie mache sich Sorgen um die Zukunft ihrer 20-jährigen Tochter und ihres 13-jährigen Sohns. «Sie müssen mit dem ganzen Atommüll leben, den wir ihnen hinterlassen.» Franziska Herrens Mission gegen die Atomenergie begann mit einem selbst erstellten Flugblatt. Dieses verteilte sie in ihrem Dorf. Dabei stiess sie auf Walter Kummer aus Rumisberg im Oberaargau. Nach Fukushima stellte dieser eine «Ratund Hilflosigkeit bei AKWBetreibern und Sicherheitsbehörden auf der ganzen Welt» fest.

Die beiden wollen alle Schweizer AKW abschalten. Doch Mühleberg nahmen sie deshalb ins Visier, weil sich nur dieses Werk mittels kantonaler Volksinitiative abschalten lässt. Diese Konstellation ist zustande gekommen, weil der Kanton Bern die Aktienmehrheit der BKW besitzt, die das Kernkraftwerk Mühleberg betreibt. Das sei bei keinem anderen Schweizer AKW der Fall, sagt Walter Kummer. «Eines Tages kam mir die Idee, man könnte das AKW abschalten, indem wir via Volksabstimmung Einfluss nehmen auf den Kanton Bern als Mehrheitsaktionär.» Um sich juristisch abzusichern, las Walter Kummer dicke Bücher übers Aktienrecht. Diese hatte er bei sich zu Hause. «Ich habe sie vor Jahren gekauft, weil ich zu gewissen Rechtssachen umfassender informiert sein wollte.»

Initianten investieren viel Zeit und Geld

Zu Beginn der Unterschriftensammlung wurden die beiden von Politikern belächelt. «Erst, als wir die nötigen 15 000 Unterschriften nach drei Monaten zusammenhatten, nahmen sie uns ernst», sagt Franziska Herren. Sie selber hätten nie über Erfolg oder Misserfolg nachgedacht. «Wir haben einfach losgelegt mit Sammeln. Zuerst im Internet. Dann gingen wir auf die Strasse und etwas später haben wir einen professionellen Unterschriftensammler engagiert.»

Ihr Aufwand für die Abstimmungskampagne entspreche für beide jeweils einem 100-ProzentArbeitspensum. «Ich werde gesponsert von Walter Kummer. Sonst könnte ich das niemals durchziehen», sagt Franziska Herren. Sie arbeitet seit 19 Jahren selbstständig in der Fitnessbranche. Nach einem Autounfall ist sie dabei, sich umzuorientieren. «Jetzt mache ich zusätzlich Projekte zum Wohle der Erde», sagt sie. Das Engagement gegen Atomenergie sei ihr erstes solches Projekt.

Walter Kummer seinerseits hat privat 50 000 Franken in die Abstimmungskampagne investiert. Er ist laut eigenen Angaben freischaffend. Er hofft nun auf Unterstützung durch Spendengelder. Bisher seien dadurch 16 000 Franken zurückgeflossen.

«Wenn ich mir vor Augen führe, was ein AKW alles zerstören kann, dann müsste doch jeder Politiker sofort Stopp rufen», sagt Franziska Herren. Wie gross – oder, anders gefragt, wie klein – das Risiko einer Reaktorkatastrophe effektiv sei, spielt weder für Walter Kummer noch für Franziska Herren eine Rolle. Viel entscheidender sei das Ausmass, falls etwas passiere. «Die Welt hat mehrmals gesehen, was ein GAU anrichtet», sagt Walter Kummer. «Warum bloss reagiert die Menschheit nicht auf die Ereignisse von Tschernobyl, Three Mile Island oder Fukushima?» Seine Mitstreiterin fügt an: «Keine Versicherung ist bereit, das Schadenrisiko eines AKW-Unfalls zu übernehmen. Alle, die jetzt sagen, Mühleberg sei sicher, sehen wir von hinten, wenn einmal doch etwas passiert.»

Rückzug der Initiative war kein Thema

Eine Prognose zum Ausgang der Abstimmung wollen die Urheber der Initiative Mühleberg keine machen: «Ich habe eine Vision, aber die behalte ich für mich», sagt Franziska Herren. Für sie persönlich sei bereits die ganze Abstimmungskampagne ein Gewinn. «Wir konnten sagen, was normalerweise nicht an die grosse Glocke gehängt wird.» Die wenigsten Leute auf der Strasse hätten gewusst, dass die Versorgungssicherheit auch ohne das AKW Mühleberg gewährleistet sei.

Abzuwarten, bis die BKW das Kernkraftwerk bei Mühleberg im Jahr 2019 freiwillig vom Netz nimmt, sei für sie keine Option. Es sei nie zur Debatte gestanden, die Initiative wegen dieser Ankündigung zurückzuziehen. «Das wäre ein typischer politischer Kuhhandel gewesen», sagt Walter Kummer. Denn über 15 500 Stimmberechtigte im Kanton Bern hätten mit ihrer Unterschrift das sofortige Ende des umstrittenen AKW in Mühleberg verlangt.

 

Nachrichten zu Kanton Bern »