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Schimpfwort

Ist das Wort «huere» wirklich böse?

BT-Online hat sich dem Schrecken aller besorgten Lehrerinnen und Eltern angenommen und ist dem h-Wort auf den Grund gegangen.

Huere guet! copyright: parzival meister/bieler tagblatt

von Florian Waldner

Die meisten brauchen es mehrmals am Tag, manche gar ununterbrochen. Nur die Kinder dürfen es nicht. Für sie ist das Wort «huere» - wie in «huereguet» - einfach nur tabu.

«Huere» geht auf «Huer» zurück und damit basta!

Jene Eltern und Lehrer, die ihren Sprösslingen den Gebrauch des h-Worts am liebsten ganz austreiben würden, wussten es nämlich schon immer: «‹Huere› geht auf ‹Huer› zurück, und das wiederum bedeutet Prostituierte oder Sexworkerin oder na-du-weisst-schon-was-ich-meine.» Deshalb sei «huere» genau so obszön wie «fu**!» oder «schei***!» und damit für Kinder verboten.

Das hat nichts mit Huren zu tun

Aber es gibt noch Hoffnung für all jene, die darauf gehofft haben, dass sie ihren lieblings Verstärkungspartikel weiterhin ohne schlechtes Gewissen benutzen dürfen. Denn eine Theorie, wonach «huere» gar nichts mit dem ältesten Gewerbe der Welt zu tun habe, erfreut sich seit mehreren Jahren ungebrochener Beliebtheit. Dieser Theorie zufolge leitet sich «huere» von ungeheuer oder ungeheuerlich ab, im Sinn von: «unghüür», «uhuere», «huere».

Na was stimmt denn nun?

«Huer» ist die schweizerdeutsche Form des allen germanischen Sprachen gemeinsamen Wortes für Prostituierte, das mit dem Lateinischen «carus» (begehrt, teuer) urverwandt ist. Vor über Tausend Jahren sprachen die Germanen dann im Althochdeutschen von «huora», was so viel wie Unkeuschheit bedeutete. Jahrhunderte später wurde im Mittelhochdeutschen «huore» daraus und bezeichnete nun erstmals eine Beischläferin oder Nebenfrau. Schliesslich entstand daraus das heute noch im Berndeutschen gebräuchliche «Huer» und parallel dazu der ebenfalls so beliebte Verstärkungspartikel «huere».

Tatsache ist also, der beliebte Verstärkungspartikel geht sprachgeschichtlich auf das schweizerdeutsche Wort für Prostituierte zurück. Dies bestätigt der Mann, der es wissen muss: Hans-Peter Schifferle, Chefredaktor des Schweizerdeutschen Wörterbuchs Idiotikon und DIE Autorität für die Schweizerdeutsche Sprache.

Mit dem häufigen Gebrauch verlieren solche Wörter ihre ursprüngliche Bedeutung. Schifferle bezeichnet dies als «Sinnentleerung» und nennt weitere vergleichbare Beispiele: «Wer denkt schon bei der Verwendung von ‹cheibe schöön› oder ‹choge guet›, dass im ersten Teil des Wortes die alte Bezeichnung für Tierkadaver (Cheib, Chog) stecken. Selbst das banale (hochdeutsche) ‹sehr› bedeutete einst ‹wund, verwundet, blutend, krank› und konnte damit ursprünglich eine recht unappetitliche Angelegenheit sein.»

Also liebe Eltern: Heutzutage verstärkt «huere» eben nur noch das darauffolgende Wort. Seine negative - um nicht zu sagen «böse» - Bedeutung, hat es längst abgestreift.

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Wers auch zukünftig genau wissen will, schlägt in den unerschöpflichen Tiefen des Schweizerischen Idiotikons nach. Idiowas?! Gemeint ist das Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache - Idiotikon - in dessen Bezeichnung das altgriechische Wort «ídos» für «eigen» steckt.
 

Stichwörter: Huere, Wort, Sinn, Ursprung, Idiotikon

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