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Interviews

«Es tut auch manchmal wirklich weh»

Sie bloggen, schreiben Bücher, sind live auf der Bühne und haben viele Follower, die alles von ihnen aufsaugen. Yonni Meyer und Marie Luise Ritter haben sehr viel Spass an ihrer Arbeit, müssen sich aber auch mit Stressmomenten auseinandersetzen. Eine Zürcherin und eine Hamburgerin geben ehrliche Antworten zum Traumberuf Internetstar.

Yonni Meyer und Marie Luise Ritter haben sehr viel Spass an ihrer Arbeit, müssen sich aber auch mit Stressmomenten auseinandersetzen. Bilder: zvg

Interviews: Simon Dick

Yonni Meyer: Die Zürcherin ist eine der erfolgreichsten Online-Autorinnen in der Schweiz. Bild: zvg

Yonni Meyer, was sind Sie eigentlich?
Yonni Meyer: Ist das eine philosophische Frage?

Sind Sie eine Bloggerin? Eine Autorin? Ein Internetstar? Oder gar eine Influencerin?
Ach so. Also das Ganze hat ja völlig spontan und planlos angefangen. Damals wusste ich selber noch nichts von Bloggern und Influencern und all den anderen Dingen, das sich so in den unendlichen Weiten des World Wide Web herumtreibt. Ich wollte einfach lustige Sachen schreiben und schauen, ob die Leute drüber auch lachen. Das taten sie dann auch. Als Bloggerin wurde ich schliesslich eher von aussen bezeichnet. Ich habe ja lediglich eine Facebook-Seite, keinen tatsächlichen Blog. Um Ihre Frage aber zu beantworten. Ich denke, ich bin ursprünglich eine Online- und mittlerweile auch eine tatsächliche Autorin, weil ich meine Texte ja nun auch als Bücher herausbringe.

Also Sie bloggen, schreiben Artikel, Bücher, haben Auftritte und tanzen zusätzlich auf vielen anderen Hochzeiten.  Wie schaffen Sie das nur, alles unter einen Hut zu bringen?
Ich habe ganz ehrlich nicht das Gefühl, sehr viel zu arbeiten. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass ich noch immer wahnsinnige Freude an dem habe, was ich mache. Es ist ein bisschen, wie wenn man von Berufs wegen jeden Tag ins IKEA-Bällebad dürfte. Das würde sich ja wohl auch kaum wie normale Arbeit anfühlen.

Sie stellen regelmässig gleich nach Ihren Bühnenauftritten, nach Ihren Lesungen ein Foto Ihres Publikums auf Facebook online. Haben Sie schon mal daran gedacht, dass das vielleicht nicht alle so toll finden wegen der Privatsphäre und so?
Ganz ehrlich, keine Sekunde denke ich daran. Ich habe diesbezüglich nach über 100 Lesungen auch noch nie eine negative Rückmeldung dazu erhalten. Ich warne aber immer vorher, dass ich gleich fotografieren werde und dass sich alle verstecken mögen, die mit jemandem da sind, mit dem sie eventuell nicht da sein sollten. Ich finde das mit den Fotos immer eine schöne Sache, um danke zu sagen und finde es wichtig, dass es kein Selfie von mir mit ein bisschen Publikum ist, sondern dass es wirklich ums Publikum geht. Wie ich aussehe, wissen die Leute ja.

Manchmal müssen Sie auf Facebook ganz schön heftige Kritik einstecken. Wie gehen Sie mit solchen negativen Kommentaren um?
Anfangs ging das ganz schön an die Substanz. Man ist sich im normalen Leben ja nicht gewohnt, dass einem fremde Menschen derart an den Karren fahren. Auch heute ist mir vieles nicht einfach gleich. Ich möchte aber auch nie ein Mensch sein, dem es egal ist, was seine Arbeit und seine Meinung mit anderen Menschen macht. Sonst könnte ich ja einfach ein Tagebuch führen. Aktionen provozieren Reaktionen. Gerade bei sehr groben Reaktionen hilft es mir, mich zu fragen, über wen der Kommentar mehr aussagt: Über mich oder über den Kommentierenden oder die Kommentierende. Wenn über mich, muss ich über die Bücher, denn oft sind es ja die Kommentare, die einen wahren Kern treffen, die am meisten weh tun. Wenn der Kommentar aber mehr über die Schreibende oder den Schreibenden aussagt, kann ich ihn ignorieren. Oder es wenigstens versuchen.

Aber Hand aufs Herz, das nervt schon manchmal sehr, oder?
Klar. Es tut auch manchmal wirklich weh. Aber so geht Austausch, Konfrontation und schliesslich Wachstum.

Können Sie auch mal einfach abschalten, das Internet komplett ruhen lassen? Kennen Sie das Wort «offline» überhaupt?
Selten, da bin ich ganz ehrlich. Aber ich glaube, das hängt wiederum damit zusammen, dass das, was ich mache, mehr Hobby als Arbeit ist.

Sie haben viele Fans und Bewunderer da draussen. Was raten Sie jemandem, der auch so erfolgreich wie Sie werden möchte?
Das finde ich enorm schwierig pauschal zu beantworten. Authentizität ist sicher ein Rat, wenn nicht der Grundpfeiler für alles. Dass dies das Rezept für viele erfolgreiche Künstler und Künstlerinnen ist, bedeutet jedoch nicht gleichzeitig, dass dies auch ein Garant für Erfolg ist. Ich sehe immer wieder Menschen ihr ganzes Herzblut und ihr ganzes Sein in ihre Projekte stecken und trotzdem scheitern. Ich glaube, es braucht eine Kombination aus Talent, Mut, Fleiss und Schwein.

Wo bleibt eigentlich Ihr Ratgeber-Buch, wie man selbstständiger Internetstar wird? Das würde sich doch prächtig verkaufen?
Weil ich absolut keine Ahnung habe, was ich genau mache. Ganz ehrlich, ich werde immer wieder gefragt, was mein Rezept sei und ich kann das nur mit «Ich habe keins» beantworten. Vielleicht ist gerade das das eigentliche Rezept.

Gab es auch Momente seit dem Sie sich selbstständig gemacht haben, wo Sie absolut keinen Spass mehr mit der ganzen Sache hatten?
Nein. Keine Sekunde.

Nochmals Hand aufs Herz: Wollten Sie nicht auch schon mal einfach alles hinschmeissen?
Nein. Keine Sekunde.

Info: Yonni Meyer, «Dini Mueter», kann für 28.00 Franken direkt auf www.yonni.ch bestellt werden.

Yonni Meyer
Die 36-jährige Zürcherin studierte Psychologie in Fribourg, machte 2011 ihren Abschluss und trat danach ins Arbeitsleben ein.
2013 startete Yonni Meyer die Facebook-Seite Pony M., welche innert kürzester Zeit Leserzahlen im fünfstelligen Bereich verzeichnete. Heute erreicht sie auf Facebook rund 64’000 Fans, die alles von ihr aufsaugen.
Seit 2014 ist sie als selbstständige Schreibende u.a. beim Schweizer Newsportal Watson.ch tätig.
Im November 2014 erschienen Yonni Meyers Kolumnen und Gedichte im Buch «Vill Liebi» erstmals als Sammlung. Es folgten drei weitere Textsammlungen in Buchform.
Seit 2015 ist sie auch im Stand-Up-Comedy-Bereich erfolgreich unterwegs. Sie moderiert regelmässig die Show «Komikaze im Brotlichtmilieu» im Kanzlei Club in Zürich. sd

Link: www.yonni.ch

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Marie Luise Ritter: Die Hamburgerin ist auf allen sozialen Kanälen aktiv und auch erfolgreich. Bild: zvg

Marie Luise Ritter, wenn ich Ihr aktuelles Buch «Follow me!» lese, habe ich manchmal das Gefühl, es ist heute sehr einfach ein erfolgreicher Influencer zu werden. Ist es wirklich so einfach?
Marie Luise Ritter: Im Buch erkläre ich, dass es viel Herzblut braucht und dass man auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein muss. Und ich erkläre auch, dass es ausserdem kein Geheimrezept gibt, sondern auch Glück dazu gehört. Ausserdem muss man für diese Art des Jobs gemacht sein. Das eigene Privatleben muss man teilen wollen und da auch mit einigen Einschränkungen klarkommen. Einfach ist es nicht.

Viele jüngere Menschen geben heute als Berufswunsch Influencer an. Aber das ist doch kein richtiger Beruf?
Ich verdiene damit Geld, meinen Lebensunterhalt, bin Vollzeit beschäftigt und schreibe für eine erbrachte Leistung eine Rechnung. Ich würde sagen, alle Kriterien, die ein selbstständiger Beruf so erfüllen muss, sind getroffen. Nur weil es einen Beruf noch keine Jahrzehnte lang gibt, heisst das noch lange nicht, dass er keine Daseinsberechtigung hat. Onlineredakteure gab es ja auch vor zwanzig Jahren noch nicht. Die Welt verändert sich, auch in den Berufen und Branchen, und das ist toll.

Was raten Sie jemandem, der genau so eine erfolgreiche Influencerin werden möchte wie Sie?
Sich auszuprobieren und auf eine Nische festzulegen, den eigenen Stil in Fotos und Content zu entwickeln. Man sollte niemanden einfach platt kopieren, seinen Wert kennen und von Anfang an professionell arbeiten. Und dabei immer authentisch bleiben und sich selbst nicht verlieren.

Wie gehen Sie mit Menschen um, die Sie kritisieren und kein Verständnis für Ihre Tätigkeit aufbringen?
Das begegnet mir eigentlich relativ selten. Wenn man das, was man macht, mit Selbstbewusstsein vertritt und seinen Weg geht, bei jedem neuen Projekt abwägt und vor allem nachdenkt, bevor man spricht, hat man gute Chancen, ernstgenommen und akzeptiert zu werden. Wenn jemand die ganze Branche kritisch sieht, diskutiere ich natürlich gerne darüber mit.

Sind wir ehrlich, um erfolgreich in den Sozialen Medien zu bleiben, muss man intensiv Gas geben. Das ist doch gerade im Social-Media-Geschäft total anstrengend?
Jeder Beruf bringt seine Besonderheiten, Vor- und Nachteile mit. Ich würde nicht sagen wollen, dass dieser Job anstrengender ist als andere, das wäre auch ganz schön undankbar. Es gibt weitaus körperlich anstrengendere und wichtigere Jobs in unserer Gesellschaft. Klar, man teilt sehr viel und ist viel unterwegs. Dafür verschwimmen aber auch Privatleben, Hobby und Beruf. Man schreibt und postet über die Dinge, die man sowieso in seinem Leben hat und kann sich durch die Freiheit, die der Job mit sich bringt, auch viel eher selber verwirklichen. Und letztendlich gilt für das Stresspensum, das man sich auferlegt, ist man ja nur selber verantwortlich. Wenn man weniger machen möchte, dann sagt man eben weniger Anfragen für Reisen, Events, Pressedinner oder für andere Projekte zu. Das ist ja das Gute und Schöne in diesem Geschäft. Man hat eigentlich alles selbst in der Hand.

Was ist Ihr Erfolgsrezept gegen den ständigen Online-Stress?
Ich habe für mich definierte Zeiten festgelegt, an denen das Handy aus ist und ich nichts in den Sozialen Medien poste oder beantworte. Stress macht man sich immer nur selbst. Stress findet im Kopf statt. Inzwischen weiss ich auch selber, wie viel ich wirklich schaffe, wie viel ich in welcher Zeit umsetzen kann und plane somit realistisch.

Zurück zu Ihrem neuen Buch «Follow me!». Die Risiken, die dieser Traumberuf mit sich bringt, kommen mir darin viel zu kurz. Sollten Sie nicht auch vor dem Stress warnen, der damit einhergeht?
Ich glaube, ich gehe auf viele Risiken ein, die dieser Traumberuf mit sich bringt. Das Verantwortungsbewusstsein den eigenen Followern gegenüber, schlechte Kampagnen und das Verheizen der eigenen Marke, der kontinuierliche Aufbau in der eigenen Nische sowie Qualität statt Quantität sollte man stets beachten. Natürlich geht mit dem Beruf auch Stress einher. Aber das ist bei jedem anderen Beruf auch der Fall. Ausserdem schätze ich meine Leserschaft als so gebildet und reflektiert ein, dass sie selbst entscheiden können, wie viel Stress sie sich auflasten wollen.

Schon mal daran gedacht mit allem aufzuhören und komplett zum Journalismus zurückzukehren?
Ich werde nicht für immer mein Leben teilen wollen. Also ganz klar, irgendwann werde ich kein Influencer mehr sein. Ich sehe mich mehr als Autorin und Social Media-Beraterin und möchte auch in diesem Bereich jetzt und danach weiter Fuss fassen.

Gibt es auch Momente, wo Sie auf das Ganze so gar keine Lust mehr haben und alles hinschmeissen möchten?
Mein Buch heisst im Untertitel «Machen was man liebt und Geld damit verdienen». Ich liebe das, was ich tue, kann mich vollkommen verwirklichen und davon leben. Was könnte es denn Schöneres geben?

Info: Marie Luise Ritter, «Follow me! Machen, was man liebt, und Geld damit verdienen - so wird man Influencer», Redline-Verlag, ISBN 978-3-86881-679-2, Fr. 24.90.

Marie Luise Ritter
Die 26-jährige Hamburgerin studierte Journalismus mit Schwerpunkt auf Print- und Onlinemedien. Bereits während ihres Studiums hat sie 2011 ihren Blog gestartet.
Seit 2016 ist sie selbstständige Beraterin im Bereich Soziale Medien, hält regelmässig Vorträge zu diesem Bereich und gibt Workshops u.a. zu Themen wie Influencer oder Marketing.
Auch im Videobereich ist die Hamburgerin aktiv. Sie übernimmt Aufträge und produziert Inhalte für Kundinnen und Kunden.
Marie Luise Ritter ist auf allen sozialen Kanälen aktiv. Am meisten Follower erreicht sie mit Instagram, wo etwa gegen die 40’000 Menschen alles von ihr aufsaugen.
Eine weitere Leidenschaft von ihr ist die Fotografie, die sie auf ihren zahlreichen Reisen rund um den Globus ausleben darf. sd

Link: www.luiseliebt.de

 

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