
Simonetta Sommarugas Stern ist im Steigen begriffen, jener von Hans-Rudolf Merz begann schon 2008 zu sinken. Während Sterne wie auch immer wenigstens dauerhaft leuchten, ist das Licht eines Meteors flüchtig. Und manchmal erscheinen auch Menschen wie aufglühende Meteore, die einen Moment lang die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, bevor sie für immer verlöschen. Sie glänzen durch eine einmalige Leistung, durch eine zündende Idee – und dann ist nichts mehr.
Um eine Karriere zu beschreiben, ein Schicksal darzulegen, bedient sich die Sprache gerne kräftiger Bilder von den Vorgängen am Himmel. So erstaunt es nicht, dass auch Politik und Raumfahrt einen Begriff teilen: jenen des «Zeitfensters». Wenn eine Sonde zu einem fremden Himmelskörper geschickt wird, so bedarf es für den Start eines genau berechneten Zeitfensters, in der die Stellung der «betroffenen» Himmelskörper zueinander, von denen einer der «Absender» Erde ist, «stimmen» muss. Damit der Späher sein Ziel zu einem genau festgelegten Datum erreicht, heisst es, das nur eine Weile offene Zeitfenster zu nutzen. Sonst schliesst es sich, weil die Planeten ihren Standort verändern, und eine Mission ist zu verschieben, bis ein neues Zeitoder auch Startfenster sich anbietet.
Auch im öffentlichen Leben muss eine bestimmte Konstellation von Ereignissen oder Interessenlagen eintreten, damit sich Zeitfenster öffnen, die es erlauben, einem Anliegen nunmehr rasch Bahn zu brechen, ein Projekt endlich erfolgreich abzuschliessen oder einer Laufbahn eines Amts- und Würdenträgers eine unerwartete, plötzliche Wendung zu geben und sie zu neuen Höhen zu führen.
Bundesratsrücktritte und die Wahl von Nachfolgern sind ein solches Ereignis. Wie auch jetzt wieder mit Blick auf den 22. September. Zeitfenster haben sich weit aufgetan, um einzelnen Frauen und Männern aus kantonalen Exekutiven, dem Ständerat und dem Nationalrat die Gelegenheit zu geben, ihre Zukunft im Bundesrat fest ins Auge zu fassen. Aber nur zwei Persönlichkeiten werden in der Landesregierung Einsitz nehmen. Die andern Kandidaten gehen leer aus, und es ist eine Eigenheit unseres Systems, dass sich für sie kaum je wieder ein Zeitfenster
öffnen wird, um doch noch eines der sieben Spitzenämter zu ergattern.
Vom Sonderfall Christoph Blocher abgesehen, werden sie nicht nochmals ins Rennen geschickt. Die Jahre gehen ins Land, und auch die Konstellation für die Besetzung eines Bundesratssitzes wiederholt sich nie in selber Weise. Gibt es wieder Vakanzen, sind die Anforderungsprofile für Bewerberinnen und Bewerber anders, ungeachtet der Tatsache, dass die Kantonsklausel gefallen ist und es keinen Verteilschlüssel für den Anteil Männer und Frauen im Gremium gibt (der spukt allenfalls in den Köpfen von Mitgliedern der Wahlbehörde herum). Aber Alter, die Landesteile, die Sprache und die Kultur, die Befindlichkeit der Parteien, taktische Überlegungen in einer Zeit einer brüchiger gewordenen Konkordanz sind Faktoren, die weiterhin ins Gewicht fallen und die Auslese prägen. Johann Schneider-Ammann, Karin Keller-Sutter, Simonetta Sommaruga und Hilde Fässler sind vor diesem Hintergrund die Politiker, die heute passen.
Aussenseiterinnen und Aussenseiter haben ihre Kandidatur angemeldet im Wissen darum, dass die Gunst der Stunde nie grösser sein würde als jetzt und nachher nie mehr käme. Das ist legitim. Einzelne
haben im vorneherein oder nach reiflicher Überlegung verzichtet. Entweder erachteten sie den Moment, in dem sich das Zeitfenster aufschloss, als ungünstig oder sie waren, aus welchen Gründen auch immer, entschlossen, davon gar keinen Gebrauch zu machen.
Zu jenen, die kurz überlegten, gehörten Ursula Gut (Zürcher Regierungsrätin seit 2006) und Pankraz Freitag (Glarner Ständerat seit 2008). Für die Würde ihrer Mandate ist es gut, dass sie das Zeitfenster nicht genutzt haben. Zu kurz sind sie auf ihren Posten, als dass sie jetzt schon nach Höherem hätten streben dürfen. Schliesslich hat sie das Volk berufen, und nur Respekt vor einem solchen Vertrauensbeweis und dem eigenen Amt stärkt das Vertrauen in die Politik. Die hätte etwas Sternenglanz bitter nötig.
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