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Wenn Reisende sich nicht in Luft auflösen

Der Bieler Bahnhof ist nicht dafür konzipiert, dass hier jemand einfach so da ist, sich darin also leibhaftig aufhält.

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NIKLAUS BASCHUNG

Ein knapp verpasster Zug ist eigentlich kein Grund, sich gross aufzuregen oder ins Grübeln zu geraten. In einer halben Stunde folgt ja bereits der nächste. Ausser: Der Reisegast sitzt bereits seit fünf Minuten entspannt im Waggon, wartet auf die Abfahrt, schaut gelangweilt durchs Fenster, denkt, hoffentlich hören sie jetzt langsam mit diesem Schneien auf und sieht verwundert auf dem Gleis nebenan einen Zug gemächlich davonfahren, der mit «Zürich–Konstanz» angeschrieben ist. Das ist jetzt aber ein interessanter Zufall, in diese Richtung will ich doch auch! «Fahren Sie nach Zürich?», fragt er den Sitznachbar gegenüber. «Nein, nach Basel.» «Weshalb sitzen sie dann in diesem Zug hier?» – «Weil dieser nach Basel fährt.» – «Ja was?» Mit einem beherzten Sprung zurück aufs Perron rettet er sich im letzten Moment und wenn es ihm dabei nicht ins Kreuz geschossen wäre, hätte er noch eine Pirouette drangehängt. Trotzdem beginnt er zu grübeln, denn er befindet sich nicht auf irgendeinem hundsgewöhnlichen Bahnhof, sondern in Biel.

Und der Bieler Bahnhof ist nicht dafür konzipiert, dass hier jemand einfach so da ist, sich darin also leibhaftig aufhält. Hier dürfen Reisende zwar ankommen oder abreisen, sollten sich aber in der Zwischenzeit gefälligst in Luft auflösen. Kein Bahnhofrestaurant, kein Wartesaal, die vor der Kälte schützen, kein Quadratmeter Bahnhoffläche, der zum konsumfreien Verweilen einlädt. Bei der aufwendigen und kostspieligen Renovation des Bahnhofs scheinen die Interessen einer kleinen Randgruppe vergessen gegangen zu sein: jene Reisenden, die weder überteuerte Lebensmittel einkaufen noch stehend einen Kebab hinabwürgen wollen.

Und während in anderen Bahnhöfen das Überschreiten der Geleise verboten ist, wird in Biel wohl bald das Benützen der einzigen, engen Unterführung untersagt, weil niemand gewährleisten kann, dass alle im Gedränge heil durchkommen. Wahrscheinlich wird schon längstens an einem geheimen mehrsprachigen LautsprecherDurchsage-Konzept gearbeitet, damit alle Reisenden auf Kommando in geordneten Viererkolonnen über die Geleise geführt werden können. Wer aus der Kolonne schert, ist selber dafür verantwortlich, dass er alle seine Glieder vollzählig zusammenbehält. Bei General-Abo-Besitzern wird das Überleben immerhin garantiert, bei Halbtax-Kunden und -Kundinnen hingegen nur zur Hälfte.

Zum Glück gibt es aber in dieser Region Menschen mit neuen Visionen. Die Weiterführung der Biel-Täuffelen-InsBahn ins Bözingerfeld ist eine solche Vision. Noch findet sie in der Bevölkerung offenbar keine ungeteilte Begeisterung. Dabei ist der Hauptvorteil dieser Weiterführung der BTI-Bahnstrecke und gleichzeitigen Umwandlung in ein Stadttram, dass niemand mehr im Bahnhof Biel unbedingt aussteigen muss. Bereits wird darüber nachgedacht, den Interregio Zürich–Genf in Biel als Tram ins Lindenquartier umzuleiten. Die S-Bahn Bern– Biel soll als Luftseilbahn bis ins Regionalspital hinaufgeführt werden, während der Regioexpress La Chaux-de-Fonds– Biel auf dem Gelände des Seeland-Gymnasiums im Rahmen einer genialen Physik-Maturaarbeit in ein Schiff transformiert wird und direkt zur Petersinsel dampft – ob die Reisenden dies nun wollen oder nicht. Ein solcher Ausflug hat noch niemandem geschadet.

Aber dies ist noch Zukunftsmusik. Ausserdem: Typen, die in falsche Züge einsteigen, sind irgendwie selber etwas…? Jedenfalls gibt ihnen dies kein Recht, ihren Ärger an einem armen Bahnhof auszulassen. Andere Ortschaften im Seeland haben gar keinen eigenen Bahnhof, zum Beispiel Bellmund oder Les Prés-d’Orvin, die haben sogar nicht einmal eine eigene Bahnhofstrasse und trotzdem leben glückliche Menschen dort. Dies sollte uns wirklich zu denken geben.
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