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Unqualifizierte Lehrpersonen können ein Segen sein

"Aus der Not Lehrermangel wird eigentlich eine Tugend gemacht."

Bild: BT/a
Wir haben es gelesen: Am Montag treffen manche Schülerinnen und Schüler im Kanton Bern wegen Lehrermangel auf Lehrpersonen ohne die nötige Fachausbildung. Und das bereitet einigen Eltern verständlicherweise Bauchschmerzen. Was, wenn ihr Kind von jemandem unterrichtet wird, der nicht über die nötige Qualifikation verfügt? Was, wenn diese Lehrerinnen und Lehrer gar nicht wissen, was sie zu tun haben? Was, wenn das schiefgeht?

In den letzten 20 Jahren habe ich in meinem Beruf die Erfahrung gemacht, dass die Qualifikation in vielen Fällen weit weniger zählt als die Motivation, Grundhaltung und die Lernbereitschaft. Dass Menschen, die etwas wirklich machen möchten, ihre Sache meistens gut machen. Und dass Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in einem anderen Beruf oft vieles mitbringen, was bereichernd ist.

Menschen, die unsere Kinder ein Stück auf dem Weg ins Leben begleiten und dies gerne tun, verdienen unseren Respekt. Solche, die es tun, obwohl ihnen die fachliche Ausbildung (noch) fehlt, verdienen unsere Unterstützung. Und die Kinder, die das Glück haben, von jemandem unterrichtet zu werden, der vorher einen anderen Beruf oder eine andere Tätigkeit ausgeübt hat, können sich eigentlich glücklich schätzen! In der Schule ist es seit jeher so, dass viele Faktoren zusammenkommen, die das Gelingen ausmachen. Am allerwichtigsten ist wohl die Chemie zwischen Lehrperson und Kind. Stimmt die nicht, so nützen auch Fachwissen und Qualifikation wenig. Aus diesem Grunde finde ich es sehr gut, dass in Biel die Schulkarriere in Zweijahreshäppchen unterteilt ist und nicht wie zum Beispiel in anderen Kantonen in Drei-Jahres-Portionen. Zwei Jahre mit einer Person zu verbringen wo die Chemie nicht so stimmt, kann als charakterbildende Lebenserfahrung durchgehen, drei Jahre sind schon eher eine Tortur, und zwar sowohl für Schüler als auch für Lehrer. Jedes Kind erlebt seine Schulzeit anders, und meistens ist es der Charakter der Lehrperson, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. So habe ich meine gesamte Schulzeit wegen vieler toller Lehrerinnen und Lehrer, die mir viel gegeben haben, in bester Erinnerung, während meine Schwester, ganz objektiv gesehen, einige sehr merkwürdige Lehrpersonen hatte und etwas weniger glücklich auf ihre Schulzeit zurückblickt.

Ich stelle mir Kinder vor, die jetzt in den Genuss von Lehrpersonen kommen, die aus anderen Berufen wissen, wie das Leben «da draussen» wirklich spielt. Die neue und andere Erfahrungen mitbringen, die Lehrerinnen und Lehrer, die eine geradlinige Karriere durchlaufen haben, vielleicht nicht haben. Das eine ist weder besser noch schlechter als das andere, es ist einfach eine andere Perspektive. Genau so können zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer, die beschliessen, den Beruf zu wechseln, aus ihrer pädagogischen Erfahrung viel in ihren neuen Beruf einbringen. Ein Land, das innovativ und fortschrittlich sein möchte, muss in die Bildung investieren. Neben der Ausbildung von genügend und hochqualifiziertem Personal gehört auch die Entwicklung von zeitgemässen Lehrplänen und Lerninhalten dazu. Gerade die Themen Querverbindungen, Vernetzungen von Themen und unterschiedliche Blickwinkel sind dabei wesentliche Elemente für eine gelungene Bildung unserer Kinder.

Und so wird – vorausgesetzt, Motivation und Chemie stimmen – aus der jetzigen Not, dem Lehrermangel, letztendlich eine Tugend gemacht, weil Lehrpersonen, die andere Blickwinkel und Erfahrungen mitbringen, genau so bereichernd sein können für unsere Kinder wie die top ausgebildeten Fachkräfte (bei denen übrigens auch Motivation und Sozialkompetenz mindestens so ausschlaggebend sind für den Erfolg wie das Fachwissen).

INFO: Nadja Schnetzler ist Mitbegründerin der Bieler Ideen-Fabrik BrainStore Ltd. und BT-Kolumnistin.

Stichwörter: Kolumne

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