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Kolumne

Rousseau und die Bieler Aufklärung

Haben die Bieler des Jahres 1765 Rousseaus Schriften gelesen? Waren sie von der Aufklärungsphilosophie beeinflusst?

Tobias Kaestli

Tobias Kaestli

Heuer jährt sich zum dreihundertsten Mal der Geburtstag Jean-Jacques Rousseaus (1712-1778). Verschiedene "Events" werden daran erinnern, dass der grosse Aufklärungsphilosoph im Sommer 1765 ein paar glückliche Wochen als stiller Träumer auf der Petersinsel verlebte. Auf Betreiben einflussreicher Berner Patrizier musste er allerdings die Insel schon bald wieder verlassen. Der Bieler Alexander Wildermeth, Sohn des damaligen Venners Alexander Jakob Wildermeth, und der Rockhall-Besitzer und Kunstförderer Rodolphe de Vautravers versprachen ihm gute Aufnahme und sicheres Asyl in unserer Stadt. Biel war damals notabene noch nicht bernisch, sondern gehörte zum Fürstbistum Basel. Am 25. Oktober 1765 brachte ein Boot Rousseau zur Bieler Ländte. Was dann geschah, schilderte er in seinen Confessions so: "Sofort beeilte sich Wildermeth, mir eine Wohnung zu verschaffen, und rühmte mir als einen guten Fund eine hässliche, kleine, rückwärts gelegene Kammer im dritten Stock nach dem Hof zu, wo ich meine Augen an dem Gerüst stinkender Häute eines Sämischgerbers [Weissgerbers] weiden konnte." Obwohl ihm das Quartier an der Untergasse nicht gefiel, wollte er den Winter über in Biel bleiben. Doch es kam anders. Nicht nur der Gestank, der von der Gerberei in seine Dachkammer drang, vertrieb ihn, sondern auch das Gefühl, bei der Bevölkerung nicht willkommen zu sein. Schon am Tag nach seiner Ankunft meinte er, "eine schreckliche Gärung gegen mich" wahrnehmen zu müssen. Das war wohl übertrieben. Aber es gab Leute, die ihm nahelegten, die Stadt zu verlassen. Woher die Feindschaft? Sein 1762 erschienener Erziehungsroman "Emile" galt als Skandalschrift, und manche religiös-konservativ Gesinnte hielten das Buch für geeignet, Irreligiosität und Sittenverderbnis zu fördern. Für andere aber war es eine Art Offenbarung. Nicht nur in Frankreich, sondern auch hierzulande wurde es von vornehmen und gebildeten Leuten mit Interesse und nicht selten mit Begeisterung gelesen. Rousseau aber nahm offenbar vor allem die Skeptiker wahr. Schon nach vier Tagen reiste er ab nach Strassburg.

An der Mauer des Hauses an der Bieler Untergasse 12 ist eine Gedenktafel angebracht, die besagt, hier habe sich Rousseau Ende Oktober 1765 aufgehalten. Das Haus ist allerdings nicht mehr dasjenige, in dem er logierte. Dieses wurde 1843 durch einen Neubau ersetzt. Trotzdem ist es gut und richtig, dass die Tafel hier angebracht ist. Das Haus wird so zu einem Denkmal. Wie kam es, fragt sich der Passant, dass Rousseau hier war? Wussten die damaligen Bewohner von Biel über ihn Bescheid? Hatten sie seine Schriften gelesen? Waren sie von der Aufklärungsphilosophie beeinflusst? Wir wissen nicht viel darüber. Immerhin dies: Im gleichen Jahr 1765, in dem Rousseau in Biel war, wurde hier die Moralische Burgerbibliothek gegründet. Es ist die Vorläuferinstitution unserer heutigen Stadtbibliothek. Treibende Kraft war Alexander Jakob Wildermeth. Als Zweck der Bibliothek wurde angegeben, "in Biel der Aufklärung fortzuhelfen". Wenig später packte der Bieler Schulrat eine Reform des Schulwesens an, und zwar ausgehend von der Feststellung, dass "die gegenwärtige Verfassung der hiesigen Schule gar nicht so beschaffen seye, wie es die heutigen aufgeklärten Zeiten mit sich bringen". Es gab also durchaus so etwas wie eine Bieler Aufklärung, die sich nicht zuletzt an Rousseaus "Emile" orientierte. Deshalb wird man in diesem Jubiläumsjahr nicht nur auf Rousseaus Spaziergänge auf der Insel, sondern auch auf seinen kurzen Besuch in Biel verweisen dürfen.

Tobias Kaestli, geboren 1946 in Biel, ist Historiker und Koautor der «Neuen Bieler Geschichte».

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