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Mittendrin

Sein Blick schweift über die Herdplatten, das Gewürzgestell und die Kaffeemaschine, die sich plötzlich mit Getöse ungefragt selber reinigt, und fragt dann: «Die Kaffeemaschine?».

Niklaus Baschung, Bild: bt/a

Niklaus Baschung

Sie haben gemeinsam zu Abend gegessen, er will gerade aufstehen und das benutzte Geschirr hinüber zum Abwasch tragen, da fragt sie ihn plötzlich: «Siehst du denn nichts?» Er setzt sich wieder hin, schaut etwas ratlos in der Küche herum. Sein Blick schweift über die Herdplatten, das Gewürzgestell und die Kaffeemaschine, die sich plötzlich mit Getöse ungefragt selber reinigt, und fragt dann: «Die Kaffeemaschine?»

«Nein, hier, bei mir.»

«Auf dem Tisch?»

«Nein, an mir.»

Das wird eine dieser delikaten Testsituationen, denkt er, jetzt nur keinen Fehler machen. Er mustert seine Frau von oben bis unten, lange und intensiv. Offenbar schon zu lange, denn sie wirkt bereits etwas ungeduldig, also rät er hoffnungsfroh: «Du bist beim Coiffeur gewesen.»

Sie schüttelt desillusioniert den Kopf: «Nein, ich bin nicht beim Coiffeur gewesen.» - «Deine Frisur sieht heute aber besonders gut aus», versucht er, sich herauszureden. «Ich bin trotzdem nicht beim Coiffeur gewesen.» - «Da darfst dir aber ruhig einmal wieder einen Coiffeurbesuch gönnen.» «Weshalb sollte ich dies denn tun, wenn ich bereits eine besonders gute Frisur habe?» «Aus reiner Lust an der Freude vielleicht?» Es hilft alles nichts, beim Coiffeur war sie wohl definitiv nicht.

Vielleicht hat sie neue Ohrringe an. Denn die sieht man gar nicht, weil ihre Haare darüber fallen. Ganz raffiniert ausgedacht von seiner Frau, denkt er. Logisch kann er keine Veränderungen an ihr entdecken. «Du hast dir neue Ohrringe geleistet», erklärt er also und sieht gleichzeitig, weil sie nun unvermutet ihre Haare zurückwirft, dass sie gar keine in die Ohren eingesteckt hat. «Siehst du denn wirklich gar nichts?», sagt sie enttäuscht.

Wahrscheinlich meint sie gar nichts Äusserliches. Vielleicht geht es um etwas Stimmungsmässiges. Ihre Stimmung scheint jedenfalls zurzeit nicht gerade in der allerbesten Verfassung zu sein. Ist in ihrem Job etwas Belastendes vorgefallen? Oder tun ihre gemeinsamen Kinder nicht das, was sie als Eltern in weiser Voraussicht für sie geplant haben? Gut, das machen die Kinder ja sowieso nie. Möglicherweise hat sie auch nur den Autoschlüssel verloren und schon während einer Stunde gesucht. Aber deshalb gleich einen solchen Aufstand machen?

«Gehts dir noch gut?», fragt er nach.

«Ja, mir gehts noch gut», antwortet sie mit einem unguten Unterton, «ich bin heute Nachmittag im Kosmetikstudio gewesen und du merkst rein gar nichts.» - «In einem Kosmetikstudio? Was hast du denn dort gemacht?» - «Alles, die Gesichtshaut, die Augen, die Lippen.» - «Du siehst eigentlich immer so aus - ähh, ich meine, du siehst immer so gut aus.»

Sie steht auf, geht zum Spiegel an der Wand, prüft ihr Gesicht und stellt mit Entsetzen fest: «Die Wimperntusche ist ja als Schatten um mein halbes Auge verteilt. Und du bemerkst absolut nichts? Wo schaust du denn hin? Bin ich dir überhaupt noch wichtig?»

«Unbedingt», versichert er. Er sucht nach einer vernünftigen Erklärung und landet im Reich der Naturwissenschaften: «Sieh, hier im Raum hat es doch überall Schatten. Verständlicherweise. Denn es ist jetzt Nacht und die Ausleuchtung mit dem Kunstlicht nicht optimal. Schau dir nur einmal dort die Banane im Früchtekorb an. Die wirft auch einen Schatten. Und erst noch einen grösseren als du.»

Das scheint sie nicht wirklich zu überzeugen. Naturwissenschaft war leider nie ein grosses Anliegen von ihr. Deshalb fährt er fort: «Jetzt, wenn du präzis unter der Lampe stehst, ist der Unterschied also frappant, vor und nach dem Kosmetikstudio. Extrem.»

«Du willst doch nur nett sein.»

«Nein, ich will nicht nur nett sein. Aber wenn du das nächste Mal ankündigst, dass du ins Kosmetikstudio gehen willst, kann ich mich besser auf diese Überraschung vorbereiten.»

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