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Biel

Informatik hilft Patienten

Am gestrigen Tech-Day haben in Biel die Bachelor-Präsentationen von Wirtschaftsinformatik- und Informatikstudenten stattgefunden. Darunter:Eine App, die Patienten und Ärzten das Leben einfacher machen will.

Die Bachelorabsolventinnen Sarah Mele (l.) und Rea Iseli. Dann von links: Andreas Lutterotti, Han van der Kleij und Serge Bignens

Die fiktive Person Daniela hat multiple Sklerose. Die Krankheit wirkt sich auf das zentrale Nervensystem aus. Da Daniela nicht in der Nähe eines Spitals wohnt, ist es für sie immer sehr beschwerlich, für Abklärungen den Weg ins Spital zu nehmen. Hier möchten die Studentinnen Rea Iseli und Sarah Mele mit «MitrendS» Abhilfe schaffen.
Gestern präsentierten die Bachelorabsolventen der Studiengänge Informatik und Medizininformatik der Berner Fachhochschule im alten Rolex-Gebäude in Biel ihre Abschlussarbeiten.
Mele und Iseli haben dafür eine App entwickelt. Diese orientiert sich an den bisherigen Tests für multiple Sklerose in Papierform. Auch auf der App soll der Patient Linien nachziehen oder eine Strich möglichst genau zeichnen.


Multiple Sklerose erforschen

Der Initiator für das Projekt war Andreas Lutterotti, Neurologe am Universitätsspital Zürich. «Das Projekt ist insbesondere für klinische Studien nützlich.» So könnte zum Beispiel getestet werden, wie gut ein Medikament bei einem Patienten anschlägt. Die App nimmt dem Arzt das aufwendige Korrigieren der Tests ab. Die Ergebnisse werden automatisch ausgewertet.
Bei einem sehr schlechten Ergebnis könnte man schnell reagieren und die Behandlungsmethode anpassen. Der nächste Schritt ist nun eine «Citicen Science Studie». Bei dieser testen gesunde Menschen die App. Die Resultate gelten dann als Referenzwert für die nächste Studie mit erkrankten Patienten.
Die Medizininformatik ist ein sehr junger Studiengang. Sie ist schweizweit einzigartig. «Darauf ist die Berner Fachhochschule auch stolz», sagt der Abteilungsleiter der Medizininformatik, Jürgen Holm. Er startete 2011 mit 20 Studenten, 2017 sind es rund 140 Studenten.  «Den Informatiker als Softwareentwickler braucht es natürlich weiterhin.» Der Medizininformatiker ist aber eine wichtige Schnittstelle zwischen den Behandelnden und Informatikern. Sie bilden die Brücke zwischen den beiden Disziplinen.
Das Schlüsselelement der Wirtschaftsinformatik sei das Labor. «Hier kommen die Studenten mit den Wirtschaftsakteuren zusammen», sagt Holm.


Mit der App über Medis reden

Der nächste Vortrag beginnt. «Das elektronische Patientendossier EPD kommt», sagt der Student Mauro Tschanz. Das EPD soll die Behandlungsinformationen von Patienten elektronisch abspeichern. Bis 2020 soll das System durchgesetzt sein.
«eMMA» heisst das Projekt. «eMMA» steht für elektronische Medikations-Management-Assistentin, welche von Tim Dorner und Mauro Tschanz programmiert wurde. Auch diese Applikation dem Arzt unter die Arme greifen.
Auch wenn es, wie die Absolventen es am Vortrag erwähnen, schon viele solcher Medikationsapps gibt, ist ihre in einem entscheidenden Punkt neu. Der Barcode der Medikamente kann eingescannt werden. Ausserdem kommuniziert «eMMA» mit dem Patienten.
Die beiden Studenten gehen davon aus, dass schon bald der elektronische Medikationsplan eingeführt wird. Dieser zeigt dem Patienten genau an, wie viel er von welchem Medikament einnehmen muss. Diese Informationen verarbeitet die App und versorgt den Patienten ausserdem mit Zusatzinformationen. Zudem kann der Patient der Applikation vorgefertigte Fragen stellen. «Ausserdem fragt die App nach, ob der Patient die Medikamente eingenommen hat», sagt Tschanz. Wenn er das verneint, könne der Patient eine Notiz verfassen, weshalb er das nicht getan hat. «Das sind insbesondere für den Arzt sehr wertvolle Informationen», betont Tschanz.


Bürokratie vereinfachen

Nicht nur die Medizininformatiker präsentierten gestern ihre Bachelorarbeiten, sondern auch der eng verwandte Studiengang Informatik. Die Vereinfachung der Bürokratie haben sich Alain Chavannes und Thomas Steiner auf die Fahne geschrieben. Das sogennannte «eBürgerdossier» soll den Gang zu den Ämtern überflüssig machen. In einer Live-Demonstration stellten die Absolventen das Projekt in der Praxis vor. Als Beispiel nehmen die beiden einen Betreibungsauszug. Anstatt nun einen Antrag zu stellen, könnte der Benutzer mit dem Programm den Auszug bequem von zu Hause aus elektronisch bestellen.
Der Benutzer kann dann gewissen Personen, in diesem Fall dem potenziellen Vermieter, den Zugang zum Betreibungsauszug autorisieren.
«Hier war uns der Datenschutz wichtig» sagt Steiner. Dafür haben sie verschiedene Berechtigungsstufen erschaffen. Wer die Nutzerdaten erbeutet, kann nur über zusätzliche Hürden an heikle Informationen, wie beispielsweise einen Strafregisterauszug, kommen.
«Wann könnte so ein System in der Praxis zum Zug kommen?», fragt ein Zuhörer. «Realistisch ist das wohl erst in 15 Jahren», antwortet Steiner. Das sei bei der hohen Anzahl an Gemeinden und Kantonen nun mal so.
Im Anschluss an die Vorträge fand am Nachmittag die Ausstellung der jeweiligen Projekte statt.

Carlo Senn

 

Infobox:

Praxisnahe Labore
Gestern fanden am Höheweg 80 die Präsentationen der Bachelorabschlussarbeiten statt.
Darunter 16 Informatik- und 8 Medizininformatikprojekte
Der junge Studiengang Wirtschaftsinformatik hat in den letzten Jahren im ehemaligen Rolex-Gebäude ein vierstöckiges Labor eingerichtet.
Auf einer Etage befindet sich die potenzielle Wohnung der Zukunft, auf einer zweiten verschiedene Arbeitsplätze im Gesundheitswesen.
Damit sollen die Studenten die Praxis simulieren können.  cas

 

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