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„Krawattenzwang“

Für einen ganz kurzen Moment Bundesrat

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Für einen ganz kurzen Moment Bundesrat.

Krawattenzwang: Bernhard Rentsch
  • Dossier

Am letzten Mittwoch war Bundesratswahl. Die Kameras richteten sich in den grossen Parlamentssaal, wo wieder einmal die „Vereinigte Bundesversammlung“ tagte – die Nationalrätinnen und Nationalräte auf ihren angestammten Plätzen, die Ständerätinnen und Ständeräte auf dem Ersatzbänkli im Hintergrund. Die Sitzordnung war egal: Die Parlamentarier hievten einen der ihren auf den Thron. Mit Ignazio Cassis rückte der favorisierte Tessiner Nationalrat nach.

Keine Chance also für Aussenstehende. Nicht für den intensiv für sich werbenden Genfer Regierungsrat Pierre Maudet und auch nicht für uns alle. Denn – und das ist eine Schweizer Eigenheit –, wählbar ist jede und jeder. Das Bonmot, dass man sich am Wahltag anständig anziehen soll, weil man ja nicht weiss, ob man plötzlich als gewählter Bundesrat antreten muss, machte auch diesmal wieder die Runde. Nun denn: Hängen wir Kittel und Krawatte wieder in den Schrank. Eine nächste Chance wird kommen.

Immerhin: Nach der Verabschiedung von Bundesrat Didier Burkhalter und der Wahl von Ignazio Cassis entstand so etwas wie ein Bundesratsvakuum – wenn natürlich auch nur theoretisch. Und halt auch nur kurz, weil Bundesrat Cassis schon bald einmal genug Stimmen erhielt. Aber in diesen paar Augenblicken waren wir alle ganz kurz Bundesrat. Und entschieden dann wohl in der Mehrheit, das gar nicht sein zu wollen.

Der Alltag ist anstrengend, die Verantwortung riesig und oft ist der „Dank des Volkes“ nicht eben berauschend. Und doch ist es immer wieder erstaunlich, wie um das Amt gebuhlt wird. Die FDP inszenierte den Wahlkampf gar wie eine Roadshow – landauf, landab wurden die Kandidaten präsentiert. Wie wenn da jemand etwas zu sagen hätte… Neben den nötigen Qualifikationen muss man ohnehin in erster Linie die richtige Sprache, den richtigen Wohnort, die richtige Partei usw. mitbringen. Dass dabei auch immer wieder die Geschlechterfrage thematisiert wird, nervt. Das ist ganz einfach – mindestens 50:50 (mal 4 Frauen und 3 Männer, mal 3 Frauen und 4 Männer). Oder auch mal 7 Frauen. Einfach die Besten, bitte!

Ob es schliesslich die Besten sind, die sich zur Wahl stellen und dann auch eine Mehrheit der Stimmen erreichen, bleibt (immer) offen. Da hat auch die berühmt-berüchtigte Nacht der langen Messer (die Nacht vor der Wahl) wohl wenig Einfluss. Oder passiert da doch mehr? Einmal möchte ich gerne mittrinken und mithören. Ich erzähle Ihnen dann, wie es war.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

 

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