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Leinenpflicht

"Freiheitskrähen" für Perimeter B

Im Bereich Leinenpflicht für Hunde geht Biel ganz neue Wege: Dressierte Krähen sollen für den Vollzug sorgen. Das Projekt «Freedom Crowes» fasziniert, stösst aber auch auf Kritik. UND NATÜRLICH LESEN SIE HIER UNSEREN 1. APRIL-SCHERZ.

Krähen als okkultes Symbol? Es gehe einzig um den kostengünstigen Vollzug der Leinenpflicht, beschwichtigt die Stadt. Bild: ky

Tobias Graden

Es ist ein schöner Frühlingsnachmittag, Bonita Scozza (Name geändert) geniesst den Spaziergang mit ihrem Hund am Strandboden. Tchouga, ihr Hund (Name ebenfalls geändert), der genau genommen eine Hündin ist, trottet brav neben seiner Halterin her – angeleint, natürlich. «Mir ist bewusst, dass ich Tchouga nur im Perimeter B von der Leine lassen darf», sagt Scozza, «alles andere wäre an einem Tag wie heute verantwortungslos, wenn so viele kleine Kinder auf dem Strandboden spielen.» Tchouga wolle zwar auch nur spielen, doch sei dies für Kinder nicht erkennbar, weiss Scozza.


Die Polizei winkt ab
Perimeter B, das ist der Bereich zwischen den Gebäuden des Seeclubs und Neuenburgstrasse, also die hinterste Ecke am Strandboden. In der Vollzugsverordnung zum neuen Polizeireglement ist diese Fläche als Zone definiert, in der die Leinenpflicht für Hunde nicht gilt, Tchouga also frei herumtollen darf.
Allein: Längst nicht jeder Hundehalter verhält sich so vorbildlich wie Bonita Scozza. Es ist hinlänglich bekannt, dass an einem schönen Sonnentag manch ein Vierbeiner frei herumtollt und sich weder Hund noch Herrchen um Perimetergrenzen scheren. Für besorgte Eltern, schmusende Liebespaare oder rastende Rentner ist dies äusserst lästig. «Neben der Verdrängung durch den Verkehr sind nicht angeleinte Hunde das zweitgrösste Problem für Fussgänger», sagt Thomas Schweizer, Geschäftsleiter des Verbands Fussverkehr Schweiz, «wir erhalten regelmässig entsprechende Meldungen, im Kanton Bern am meisten aus Biel.»
Bei der Stadt ist man sich des Problems bewusst, allerdings stellt sich die Frage nach dem verhältnismässigen Vollzug der Leinenpflicht. So wurden denn auch innerhalb eines Jahres bei der Abteilung Öffentliche Sicherheit gerade mal zwei Anzeigen registriert, die auf eine Verletzung der Leinenpflicht zurückgehen (vgl. BT vom 5. März). Dass die Polizei die Leinenpflicht künftig besser überwachen wird, ist angesichts der Kündigung des Ressourcenvertrags mit dem Kanton und Police Bern seitens der Stadt Biel wenig wahrscheinlich. «Wenn Biel schon weniger zahlen will, übernehmen wir sicher nicht noch zusätzliche Aufgaben», sagt Stefan Blättler, Kommandant der Kantonspolizei. Und der ursprüngliche Plan des städtischen Sicherheitsdirektors Beat Feurer, zur Hunde-Abschreckung nicht-letale Taser in den Händen der SIP (Team für Sicherheit, Intervention, Prävention) einzusetzen, ist ebenfalls nicht umsetzbar. Dem Vernehmen nach sei Feurer im Gemeinderat mit Deutlichkeit zu verstehen gegeben worden, die Leinenpflicht sei nicht der geeignete Bereich eine strikte «Law-and-Order-Politik» zu implementieren. Die SIP habe in erster Linie auf Dialog zu setzen und «ein friedliches Miteinander» zu fördern – dies gelte auch im Umgang mit Hundehaltern.


«Hohe Bäume sind ideal»
Wie Recherchen des «Bieler Tagblatts» ergeben haben, will die Stadt nun ganz neue Wege gehen. In Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Vereinigung «Falcon Force» (siehe www.falconforce.com) sollen dressierte Krähen dazu gebracht werden, unangeleinte Hunde in den Perimeter B zurückzudrängen. «Falcon Force» ist auf die Falknerei spezialisiert. Die Falken werden eingesetzt, um missliebige andere Vögel zu vertreiben. Erfolge verzeichnet «Falcon Force» etwa in den Weinbaugebieten in Zentralkalifornien, wo seit dem Einsatz der Falken die Schäden an Pinot-Noir-Trauben deutlich abgenommen haben.
Die Arbeit mit Krähen ist aber auch für «Falcon Force» Neuland. Die Amerikaner arbeiten darum mit dem Krähenspezialisten Peter Crowley in London zusammen (vgl. Nachgefragt). «Ich habe die Gegebenheiten am Strandboden genau studiert», sagt dieser auf Anfrage, «die hohen Bäume eignen sich ideal für die Stationierung einer aus Krähen bestehenden Einsatztruppe.»
Die Aufgabe der Tiere ist dabei rasch beschrieben: Sie halten Ausschau nach frei laufenden Hunden. Dann formiert sich eine Gruppe von sieben Tieren (oder ein Vielfaches davon, je nach Art und Grösse des Hundes) und kreist den Hund ein. Mittels nervösen Herumflatterns und lautem Gekrähe wird der Hund von den Vögeln in den Perimeter B gedrängt (Schnabel- und Kralleneinsatz ist nur zur Selbstverteidigung erlaubt). Dort wird er unangeleint in Ruhe gelassen, oder aber der Hundehalter leint ihn wieder an und setzt den Spaziergang fort.
Peter Crowley bereitet die Krähen in London schon den ganzen Winter über auf ihren Auftrag in Biel vor und ist überzeugt, dass diese ihre Aufgabe problemlos meistern werden. Krähen zeichneten sich durch ihren Gemeinschaftssinn und ihre überdurchschnittliche Intelligenz aus, meint er, überdies seien sie alles andere als feige, «was bei der Dichte an Kampfhunden in Biel nicht schaden kann». Er führt dazu jüngste wissenschaftliche Ergebnisse an. So haben Forscher der Universitäten in Cambridge (Grossbritannien) und Auckland (Neuseeland) wilden neukaledonischen Krähen Aufgaben in Form von Variationen des in der Tierforschung berühmten «Aesops Paradigma» gestellt. Dabei zeigte sich etwa, wie die Krähen mit Steinen den Wasserstand in einem Glas erhöhten, um an das schwimmende Futter zu gelangen (vgl. Film auf der BT-Homepage). «Für die Aufgabe in Biel wählen wir aber nicht wilde Tiere aus, sondern solche, die den Menschen und das Stadtleben bereits gewohnt sind», führt Peter Crowley aus, «unsere Ergebnisse dürften also noch verblüffender sein als jene in Neuseeland.»


«Eine dubiose Figur»
«Damit haben wir eine kostengünstige und naturnahe innerfaunische Lösung für das Leinenproblem gefunden», frohlockt Sicherheitsdirektor Feurer. Allerdings stösst das Projekt auch auf Kritik. Dem Vernehmen nach soll Crowley seiner Truppe den Namen «Combat Crow Company (CCC)» gegeben haben, zu deutsch etwa: «Kampfkrähen-Kompanie (KKK)», was Liz Vogt beunruhigt. Die Grande Dame des Bieler Vogelschutzes sagt: «Krähen sind im Grunde ihres Herzens gute Wesen. Sie sollten nicht depazifiziert werden.» Aus Hündeler-Kreisen wird Unbehagen wegen eines angeblichen Zwischenfalls in London während des Trainings laut. Im Gespräch mit dem BT versucht Crowley beide Vorbehalte zu entkräften (vgl. Interview). Die Bieler Krähen werfen aber Schatten bis nach Bern: Der wiedergewählte EDU-Politiker Alfred Schneiter kündigt einen entsprechenden Vorstoss im Grossen Rat an. «Krähen sind seit je Symbole der Schwarzen Magie», argumentiert er, «und Crowley ist eine dubiose Figur.»
Starten soll das Projekt in Biel am 17. Mai. Warum gerade dann? Peter Crowley: «An diesem Datum im Jahr 1992 ist die Single ‹Remedy› (zu deutsch: ‹Abhilfe, Gegenmittel›, Anm. d. Red.) der US-Band The Black Crowes erschienen. Dieses Lied spiele ich den Krähen zu Beginn der Trainings vor. Das markante Gitarrenriff schärft ihre Konzentration, und der Songtitel passt sehr gut zur Aufgabe in Biel.»

 

«Einer für alle, alle für einen»


Peter Crowley ist im Projekt «Falcon Force» für die Abteilung Krähen verantwortlich. Die Tiere würden nach wie vor unterschätzt, sagt er im Interview.


Herr Crowley, warum sollen gerade dressierte Krähen das Bieler Leinenpflicht-Problem lösen können?
Peter Crowley: Well, you know... Krähen sind äusserst intelligente, lernfähige, aber auch soziale Tiere. Als solche sind sie prädestiniert für diese Aufgabe, und in meinem Training verfeinern wir ihren Gemeinschaftssinn, der sich am Ethos der Musketiere orientiert: Einer für alle, alle für einen. Sollte ein Tier wegen eines Hundes in Gefahr geraten, stehen ihm die anderen Krähen bei.


Sie trainieren in London. Lassen sich Bieler Verhältnisse in der Grossstadt simulieren?
Of course, my dear. Sie sollten die Krähen nicht unterschätzen! Wir üben in einer Ecke des Hyde Parks bei einem Teich, das kommt dem Strandboden recht nahe.


Ich habe gehört, es sei zu einem Zwischenfall mit einem Mops gekommen.
Das sind böse Gerüchte.


Der Hund wurde verletzt.
Er wurde ein bisschen am Ohr gezupft, das ist alles.


Sie bestätigen also den Vorfall?
(leicht genervt) Wir konnten uns mit der Hundehalterin einigen, das Ohr wurde fachgerecht mittels hundeplastischer Chirurgie rekonstruiert. Ein Mops ist auch kein anständiger Hund, wenn Sie mich fragen.


Der Projektname «Kampfkrähen-Kompanie» klingt aber wenig deeskalierend.
(verächtlich) Dieser Begriff hätte auch nie an die Öffentlichkeit gelangen sollen! Er war nur zum internen Gebrauch bestimmt und scherzhaft gemeint. Das Projekt nennt sich korrekt «Freedom Crowes», also «Freiheitskrähen».


Übrigens, Ihr Nachname erinnert mich irgendwie...
(unterbricht) Blosser Zufall!


Aber...
(lacht schallend und legt auf)

Interview: Tobias Graden

 

 

Indizien für die Intelligenz der Krähen: Neuste Experimente von Forschern aus Auckland (Neuseeland) und Cambridge (Grossbritannien):

 

Der Song, den Peter Crowley für das Krähentraining einsetzt - The Black Crowes, "Remedy", Liveversion aus dem "Fillmore", San Francisco, 2005:

 

Kommentare

Sepp1

April, April! ;-)


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