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Federleichtes Schwergewicht im Reich der Lüfte

Die Beherrschung des Körpers zu Lande und in der Luft. Der ewige Favorit oder: Was Didier Cuche und Urs Schwaller gemeinsam haben. Von Schlössern der lockeren und der luftigen Art.

Bild: ky
VON CHRISTOPHE POCHON

Sogar bei einem so bekennenden Nichtsportler wie mir hat der Triumph des Simon Ammann Stolz und Freude ausgelöst. Zu meinem eigenen Erstaunen, aber: Seis drum. Wenn ein Mensch eine souveräne Leistung zeigt, mit harter Arbeit ein Ziel erreicht, ist sein Einsatz bewundernswert. Obwohl die Luft Ammanns Element ist, werden sich die Spuren, die der Springer aus dem Toggenburg in der Sportgeschichte gesetzt hat, nicht in Luft auflösen, was der König der Lüfte mehr als verdient hat.

Sympathisch ist auch, dass er, der so souverän abhob und dahinglitt, die Bodenhaftung nie verloren hat. Der 28-Jährige hat Überflug und Übermut unter Kontrolle, ohne jedoch auf Understatement zu machen, was bei seinem überragenden Können auch unbegründet wäre. Seine herrliche Unbekümmertheit, die sich aus einem gesunden Selbstvertrauen nährt, ist ihm auch für die Zukunft zu wünschen. In der für ihn eine ganz andere Bindung wichtig sein dürfte als die Bindung, die er für seine Skis verwendet…

Die Wechselbäder der Gefühle, denen Teilnehmer an Olympischen Spielen wie Vancouver ausgesetzt sind, können leicht erahnt werden. Wie kurz kann doch der Lauf zwischen Sieg und Niederlage sein. Der Langläufer Dario Cologna musste dies in der vergangenen Woche am eigenen Leib erfahren. Und ein Aussenseiter (wie Simon Ammann in seiner eigenen Einschätzung vor Salt Lake City 2002 einer war) kann ebenso schnell nach innen aufs Treppchen katapultiert werden, wie sich ein Favorit im Nirgendwo verliert. Didier Cuche, als heisser Anwärter aufs Podest gehandelt, könnte davon ein Liedlein singen, aber ihm ist zweifellos nicht danach zumute. Während die Schweiz allen Grund bekam, unisono ein Lob anzustimmen auf seinen glücklicheren Kollegen aus der gleichen Sparte, Didier Défago, bei dem Gold ist, was glänzt.

Die Rolle eines Favoriten kann sehr undankbar sein. Wer in der schweizerischen Politik allzu lange darin verharrt, riskiert das mehr oder weniger grandiose Scheitern. Ein Favorit muss damit rechnen, dass eine zu lange Anwartschaft von ihm auf ein Amt ohne dessen absehbare Übernahme bei jenen, die ihn wählen sollen, zu Ermüdungserscheinungen führt. Urs Schwaller, der CVP-Fraktionschef, hatte diese Erfahrung ebenso zu machen wie Parlamentskollegen vor ihm. Insbesondere unmittelbar nach dem Rücktritt Pascal Couchepins als Bundesrat galt Schwaller lange als Favorit, aber am Tag der Wahl des Nachfolgers von Couchepin zum Innenminister waren seine Chancen vernichtet, und wohlweislich sind damit Bundesratsträume für ihn kein Thema mehr, nachdem sein Name auch schon im Gefolge der Abwahl von Christoph Blocher und des Ersatzes für Samuel Schmid genannt worden war. Favoriten hatten auch schon bei Präsidenten- oder Parlamentswahlen im Ausland das Nachsehen. Meinungsumfragen haben die fatale Neigung, trügerisch zu sein und einen Stimmungsumschwung in letzter Minute nicht zu beachten. Sie entwickeln diese Tendenz nicht nur bei Persönlichkeitswahlen, sondern hierzulande gerne bei Abstimmungen (wie wir gerade wieder seit vergangenem November wissen).

Im Sport haben Favoriten mit ihrer stupenden Körperkunst immerhin die Möglichkeit, ihrem Ruf tatkräftig und eigendynamisch gerecht zu werden und vom Favoriten aufzusteigen zum Titelinhaber. Die Bedeutung des Wortes «Favorit» im Sinne von «Günstling» oder «Geliebtem» ist bei Olympischen Spielen und anderen sportlichen Wettkämpfen glücklicherweise gegenstandslos. In der Politik trifft diese Version noch zu, und der Günstling oder die Geliebte einer mächtigen Person sind gar nicht so selten. Im 18. Jahrhundert war eine «Favorite» bezeichnenderweise ein Name für ein Lustschloss, wo sich ein Herrscher mit seiner Favoritin oder eine Fürstin mit ihrem Favoriten verlustieren konnte.

Nicht gebaut hat sich Simon Ammann ein Luftschloss, in dem er festgesessen wäre. Seine Träume wurden wahr, er besitzt die Lufthoheit im Skisprung. Und er hat alle Aussicht, bei kommenden Olympischen Spielen erneut gewaltig Auftrieb vom Schicksal zu erhalten und sich über die Niederungen dieser Welt zu erheben.
Stichwörter: Kleine Betrachtung

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