
Studien des Soziologen Robert Levine bestätigen eine Vermutung, die man schon immer hatte: wirtschaftlich entwickeltere Regionen sind schneller als rückständige und ärmere. Auffallend allerdings ist, dass Westeuropa bei weitem als schnellster Kulturraum erscheint und dass auf den ersten Plätzen die Schweiz, Irland und Deutschland liegen. Kanada und die USA landen im hinteren Mittelfeld. Levine hat mit seinem Team vor einigen Jahren schon das Lebenstempo in den grösseren Städten 31 verschiedener Länder aus vier Erdteilen gemessen. Danach lässt sich das je kulturell bestimmte Lebenstempo anhand dreier Indikatoren ermitteln: die Genauigkeit öffentlicher Uhren, wie lange Postangestellte brauchen, um jemandem eine Standardbriefmarke zu verkaufen und drittens die Gehgeschwindigkeit, die Geschwindigkeit also, mit der Fussgänger im Bereich der Innenstadt eine Strecke von 20 Metern zurücklegen. Überraschend war für das untersuchende Team, dass die Iren die höchste Gehgeschwindigkeit aufwiesen. Ob das wohl mit Fluchtbewegungen vor den häufigen Regengüssen zusammenhängt?
Wie auch immer und wie fragwürdig auch immer solche Untersuchungen sein mögen: unbestritten ist, dass das Lebenstempo weltweit zunimmt, dass wir in Zeiten individuell und kollektiv spürbarer Beschleunigung leben. Und wir es mit einem seltsamen Paradoxon zu tun haben: wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen. Unendlich viele technische Möglichkeiten haben unendlich viele alltägliche und grundsätzlichere Prozesse vereinfacht, tragen dazu bei, das Volumen der sogenannten freien Zeit zu vergrössern.
Biel ist nicht nur Uhrenstadt, sie ist nicht nur Geschäftssitz der Swatch Group, sie ist dadurch aber auch eine Stadt der Zeit. Die Produktion von Uhren verweist unentwegt auf das, was die Uhr anzeigt: das Vergehen von Zeit, verweist auf unsere Endlichkeit. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Erfolg der Swatch Group, über den der CEO Nick Hayek berichtet («Bieler Tagblatt» vom 5. August) und den Dimensionen, die hinter dem Herstellen von Uhren liegen. Fragen an die Marketingabteilung: Warum ist der Besitz einer Luxusuhr so prestigeträchtig? Bin ich dadurch meinem persönlichen Zeitdruck, dem ich ausgesetzt bin, besser gewachsen? Sind Uhren Ausdruck von Dynamik und Willen? Sind sie Ritualbestandteile der Moderne? Die Uhr stellt unentwegt Fragen an uns und an die Gegenwart, in der wir leben. Welche Stadt wäre geeigneter als Biel, solchen Fragen nachzugehen, das kulturelle Umfeld des Produkts «Uhr» auf ein sichtbares und attraktives Podest zu stellen: mit einem «Haus der Zeit»!
Es gibt hochattraktive Uhrenmuseen in unserer Gegend. Es geht nicht darum, diesen Konkurrenz zu machen. Es ginge darum, ein zentrales Thema der Moderne, unseren kulturellen Umgang mit «Zeit», sinnlich und konkret erfahrbar zu machen. Wie erleben beispielsweise Kinder «Zeit»? Wie gehen andere Kulturen mit «Zeit» um? Die Zeit ist zentrale Gestaltungsvoraussetzung in der Musik, die, extrem formuliert, nichts anderes ist als gestaltete Zeit. Wie verändert zeitkonforme Kommunikationstechnologie unser Bewusstsein von Zeit?
Ich entnehme den Medien, dass Nicolas Hayek, der grosse Unternehmer, geehrt werden soll, etwa durch ein Umtaufen des Zentralplatzes. Das ist aus meiner Sicht eine Überlegung, die dem enorm innovativen, in die Zukunft gerichteten Bewusstsein dieser singulären Figur nicht gerecht werden kann. Sein Bewusstsein war ein schaffendes, nicht ein rezeptives. Eine Stadt wie Biel, seit langer Zeit mit dem Produkt «Uhr» verbunden, könnte nun, und dies mit überregionaler Ausstrahlung, dem Unternehmer Hayek eine öffentliche Stätte schaffen, welche der Kreativität dieses Menschen gewidmet ist. Ein Haus, in dem der Lebensrohstoff «Zeit» in seiner ganzen Bedeutung erscheint.
Hans J. Ammann
Info: Hans J. Ammann wurde 1942 in Solothurn geboren. Er war von 2002 bis zum Ende der Spielzeit 2006/07 Direktor des Theaters Biel Solothurn.
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