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„Krawattenzwang“

Der Gipfel der Gratiskultur

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Der Gipfel der Gratiskultur.

Krawattenzwang: Bernhard Rentsch
  • Dossier

Die scheinbar selbstverständliche Gratiskultur treibt manchmal seltsame Blüten. Da war letzte Woche diese eine Begegnung mit einer wirsch auftretenden BT-Leserin. Sie hat beim Empfang im Medienhaus hinter dem Bahnhof mit Nachdruck „die Zeitung von gestern und vorgestern“ verlangt. Auf die (korrekte) Nachfrage unserer Mitarbeiterin, ob sie denn Abonnentin sei oder ob sie ein spezieller Artikel interessiere, kam die Antwort: „Nein, ich bin Abonnentin des ‚Bund‘ und lese das BT immer gratis beim Kaffee im Restaurant“. Aha, dachten wir. Das allein kann ja noch kein Grund sein, um zwei Gratisexemplare zu verlangen. Beim Hinweis, dass die Zeitungen etwas kosten würden, wurde die Damen energisch und beschimpfte das Personal. Sie sei schliesslich regelmässige Zeitungsleserin und seit Jahren Abonnentin des „Bund“. (Und wohl, wie wir dachten, zweimal nacheinander nicht im Kaffee mit dem Gratis-BT)

Danke, dass Sie eine (andere) Tageszeitung abonnieren. Danke, dass Sie das BT lesen. Unter dem Strich passen die zwei Dinge aber nicht ganz zusammen. Die Gratiskultur beim Zeitungskonsum ist leider eine Tatsache. Dagegen „kämpfen“ wir. Die Arbeit der Journalisten, Fotografen, Produzenten, Drucker und vielen anderen ist etwas wert. Nur so können wir die gewohnte Vielfalt und Qualität garantieren.

Zum Ausgang der geschilderten Geschichte: Der aufgebrachten Dame wurden letztlich die beiden verlangten Zeitungen geschenkt. Einen Streit zu provozieren war dann doch etwas übertrieben. Aber schliesslich: Nach wenigen Minuten marschierte die gleiche Frau – offenbar immer noch aufgewühlt – wieder an die Rezeption, legte ein Päckli Güezi auf die Theke und ging wortlos.

Wir danken der unbekannten Leserin für die verspätete Wertschätzung und freuen uns über die Unterstützung als Abonnentin, als Online- oder Kioskkäuferin. Und wenn’s wirklich nicht anders geht: Wir helfen – bei „anständigen“ Anfragen.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

 

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