Im Gästebuch der Ferienwohnung steht mit Datum vom 8. Juli 2005 der Eintrag: «Max, Robert und ich haben zu dritt viele tolle Wanderungen im ganzen Tal unternommen. Das Wetter hat gut mitgespielt. Robert konnte nach der Hüftoperation vor zwei Jahren wieder mehrere Stunden schmerzfrei gehen. Max liebte es, die Hänge rauf und runter zu springen und auf allen Vieren durch die Bäche zu hechten. Es ist eine wahre Freude ihm zuzusehen.» Unterschrieben ist der Text mit: Ruth.
Ein toller Hecht dieser Max. Ungewöhnlich, dass eine Frau mit zwei Männern gleichzeitig in den Ferien weilt, die dann auch noch so unterschiedlich sind. Vielleicht eine «Amour fou»? Dieser Robert tut mir allerdings etwas leid, wahrscheinlich ist er hier das entbehrliche dritte Rad am Wagen.
Meist lese ich solche Gästebücher nicht. Habe auch noch nie einen Text hineingeschrieben. Doch die Vermieterin der Ferienwohnung, diese Ruth, hat am Telefon bei den letzten Informationen eindringlich darum gebeten, doch auch einen netten Eintrag in ihr Gästebuch zu machen und von meinen Erlebnissen im schönen Wallis zu erzählen. «Vor allem, da Sie ja von der Schreibzunft sind, also vom Fach.»
Am 11. August 2006 schreibt Ruth: «Max, Arabella, Lord, Therese und ich haben den Beweis erbracht, dass man zu fünft problemlos in einer Zweizimmerwohnung gemütliche Ferien machen kann. Wir hatten auch kaum Streit miteinander. Wir haben zusammen ausgedehnte Wanderungen in die schönen Seitentäler unternommen. Doch manchmal musste ich Max an die Leine nehmen, wenn er zu ungestüm auf Arabella losgegangen ist.»
Dieser Max scheint sein Testosteron noch nicht ganz im Griff zu haben. Und wo ist eigentlich Robert, dieser arme Kerl? Bei seiner zweiten Hüftoperation? Es ist unheimlich, wie offenherzig die Wohnungsvermieterin ihre doch sehr komplexen Beziehungsgeschichten dem Gästebuch anvertraut. Also von mir kann sie das nicht erwarten. Mein Leben ist sowieso erschreckend langweilig im Vergleich.
Am 5. Januar 2007 schreibt Ruth: «Zum ersten Mal machen Max und ich gemeinsam wunderschöne Winterferien. Er liebt es, Höhlen in die hohen Schneehaufen zu graben. Der Lausebengel frisst auch kiloweise Schnee, ich kann ihm dies nicht ausreden.»
Dieser Max benimmt sich ja fast wie unser Hund ... genau, neben den Namen von Ruth ist eine Hundepfote gezeichnet. Auch bei ihren anderen Eintragungen, nun fällt es beim Zurückblättern auf, ist die eine oder andere Pfote abgebildet. Max ist ein Hund. Aber wo ist Robert? Hat er sich von Ruth getrennt, wegen diesem Lausebengel von einem Vierbeiner, der ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht? Hat es Komplikationen bei seiner zweiten Hüftoperation gegeben, die ein Wandern verunmöglichen? Wenn ich Robert einen guten Rat geben darf: «Lass dich von einem Hund nicht in die Ecke drängen; du musst unbedingt vermehrt an der Beziehung mit deiner Partnerin arbeiten und weniger an deiner Hüfte.»
Auch 2008 taucht Robert im Gästebuch nicht mehr auf. Am 25. September 2009 heisst es jedoch – nach ausführlichen Schilderungen der spannenden Abenteuer mit Max: «Robert hat uns wieder eines seiner fantastischen Käsefondues zubereitet, mit Bio-Alpkäse. Mein Vater ist einfach ein lieber Schatz. Danke Robert.»
Die letzte Nacht in der Ferienwohnung schlafe ich unruhig. Was schreibe ich bloss ins Gästebuch? Ich hätte viel lieber am Samstagmorgen noch stundenlang die Wohnung geputzt, die leeren Flaschen entsorgt und meine Partnerin zum Schreiben verdonnert. Kurz vor der Abreise ergebe ich mich: «Wir haben zu zweit wunderschöne Tage bei wunderprächtigem Wetter in diesem wunderbaren Tal mit diesem wundersamen Gästebuch verbracht. Unseren Hund haben wir zum Glück daheim gelassen. Ich lasse mich doch von dem nicht immer fertigmachen! Wau.»
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