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„Krawattenzwang“

Dabeisein und dann urteilen

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Dabeisein und dann urteilen.

Krawattenzwang: Bernhard Rentsch
  • Dossier

Eine Erinnerung aus den Ferien am Mittelmeer: Um 05.30 Uhr soll der Sonnenaufgang besonders schön sein – also hopp, in aller Frühe raus aus den Federn. Aber nichts da mit Naturgewalten in aller Stille. Vom Meeresstrand ganz in der Nähe wimmerten die Bässe einer grossen Party. Auch um 06.30 Uhr, als die Sonne die Nacht längst verdrängt hatte, lief die Musik noch. Ob es da Lärmklagen à la Lakelive oder Royal Arena Festival gegeben hat? Wohl nicht, wie die Begleitung präzisierte: „Hier muss niemand am andern Tag arbeiten“. Einverstanden. Begründung zu möglichen Reklamationen akzeptiert. Und dennoch stört es mich nie – und ich weiss dank der genannten Erfahrung, wovon ich spreche.

Nicht akzeptieren kann ich die Argumentation einer Chantal aus Grenchen, die sich laut Kuno Lauener im Vorfeld des Orpundart-Musikabend bei der Band Züri West meldete und um Rücksicht bat, weil (zu) viele Tiere unter dem Lärm leiden. Da versteckt sich Chantal hinter nicht zu befragenden Lebewesen anstatt selber und aktiv hinzustehen. Und natürlich hat Lauener die Episode so erzählt, dass die Musik diskussionslos als Gewinner dieser Meinungsverschiedenheit gilt.

Lärmgeplagte leiden, das ist klar. Jeden Sommer von immer den Gleichen aber im Wiederholungsmodus vorgesetzt zu erhalten, dass solche „unerhörten“ Aktivitäten doch bitte zu verbieten seien, nervt. Der Aufruf zu Toleranz verhallt da ungehört. Mein Tipp: Ändern lässt sich am besten das eigene Verhalten – Fenster schliessen, Ohren abstöpseln, ein Kurzausflug in die Ruhe planen (nicht in die Ferien – eine Nacht auf einem Campingplatz in der Region reicht aus).

Motzen können und sollen diejenigen, die sich jeweils vor Ort ein Bild machen und sich dann immer noch über die gesetzlich regulierten Lautstärken aufregen. Vorbildlich geht der Orpunder Gemeindepräsident Jürg Räber die Sache an. Wie er im BT-Interview erklärt, ist er während dem dreitägigen Festival in Orpund jeden Abend mit dabei. „Ich will mir doch ein Bild machen“, so der Dorfchef. Richtig so: Dabeisein und dann urteilen.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

 

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