Sie sind hier

Bielermeer

Wind. Stille. Wellen. Explosion.

Bild: BT/a
Hoher Seegang. Iss getrocknete Apfelschnitze, aus dem Seeland, damit dir nicht schlecht wird. Wenn dir von den Apfelschnitzen schlecht wird, helfen Tabletten aus der Asche von Alpenrosen. Sie schmecken nach nichts.

Du springst ins Wasser. Nicht auf dieser Seite! Auf der anderen. Sonst werfen dich die Wellen gegen das Boot. Du springst ins kalte Wasser. Das Seil, an dem du dich festhältst, schwimmt. Es kann besser schwimmen als du.

Die Wellen werfen dich hoch und lassen dich fallen. Die Kirchtürme starten wie Raketen und versinken im Meer. 31. Juli, einen Tag zu früh. Du siehst Biel von oben, Häuser, Plätze, Strassen. Keine Menschen. Die Wellen haben sie weggespült.

Das Salz brennt dir in den Augen. Die von der Schiffsschraube zerstückelten Quallen brennen auf der Haut. Eine Scharfsuppe. Trinken hilft nichts, im Gegenteil. Die Apfelschnitze quellen auf im Bauch. Du verschluckst dich.

Käse hilft gegen die Schärfe. Die Fische fressen den Käse. Ob sie Fleisch mögen? Nur tote Zellen. Schuppen. Ob sie Fisch mögen? Die Apfelschnitze haben sie geschluckt ohne zu kauen. Jetzt warten sie, dass er ins Wasser spuckt. Die Fische machen Männchen.

Du ziehst dich aus dem Wasser. Das dünne Seil schneidet in die Hände. Die Fische schmecken das Blut im Wasser. Sie springen aus dem Wasser, um das Blut zu riechen. Im Wasser riechen sie nichts. Die Fische fressen das Seil.

Schnell, zieh das Seil ein! Die rostrote Kurbel. Die Fische sind aufgereiht, aufgehängt unter dem Segel, zum Abtropfen. Sie klatschen mit den Schwänzen Beifall, ein undankbares Publikum. Wind. Stille. Wellen.

Explosion. Sie fischen mit Dynamit, darum der hohe Seegang. Im Strandbad werden tote Fische angeschwemmt. Du kannst sie zusammensetzen wie Lego. Dreimal Flossen. Einmal Leib. Zweimal Augen schwimmen im Wasser. Das Wasser schaut dich vorwurfsvoll an.

Die Fische sind an die Wandtafel gezeichnet ohne abzusetzen, mit roter Kreide. Die Möwen sind weiss. m wie Möwen. Sie warten, bis du den Fisch zusammengesetzt hast. Sie landen und picken oder werden angeschwemmt und stinken. Dann sind die Möwen schwarz.

Der Teer klebt zwischen den Zehen wie Kaugummi. Mit Spucke geht der Teer weg. Das Hemd schmirgelt die salzige Haut ab. Macht nichts. Die Haut hat gespannt, war verbrannt. Mach dir ein Schuppenkleid aus Lego.

Anlegen. Der Sand knirscht unter dem Boot. Um das zu hören, musst du den Kopf nicht unter Wasser halten. Es ist das Boot, das knirscht. Du sagst nichts, seine Zähne knirschen. Zieh jetzt. Du kannst das Seil an der Föhre festbinden.

Die Föhre ist schräg vom Wind. Sie hat keine Nadeln, nur Zäpfchen. Der Wind bläst vom Meer her. Er bläst Wolken, Möwen, Schiffe an Land. Du kommst immer zurück an Land, mit Schiff oder ohne. In Biel ist die Ebbe schwach und die Regenflut stark.

Du schlotterst wie ein Segel. Im La Péniche bestellst du einen Teller Gemüsesuppe, bitte, und bekommst Gazpacho. Du bist am Meer. Die Fische für die Bouillabaisse müssen sie nicht schneiden und nicht kochen, sie fischen mit Dynamit. Lass die geschlossenen Muscheln liegen, die sind tot. Und die offenen?

Das harte Brot, das die Fische übrig gelassen haben, löst sich im Wein auf. Der Bielerwein ist sauer. Wo keine Oliven wachsen, gibt es keinen guten Wein. Im Seeland wachsen nur Apfelschnitze. Ohne Schwefel. Mit Salz.

INFO: Patric Marino studiert seit 2008 am Literaturinstitut Biel. Er lebt in Münsingen.
Stichwörter: Kolumne

Nachrichten zu Biel »