
Ich weiss, Sie haben schon viele Briefe bekommen; jetzt schreibe ich Ihnen halt auch noch einen. Sie können ihn ja auch erst im November lesen, wenn Sie sich aus Bundesbern verabschiedet haben und den Ruhestand geniessen (wie ich wenigstens hoffe).
Seit Ihrem Rücktritt am vergangenen Freitag frage ich mich, ob Sie ein Suppenkaspar seien. Sie können mir glauben: Das ist nun überhaupt keine Anspielung auf Ihren Amtsvorgänger als Finanzminister und derzeitigen UBS-Präsidenten, den Villiger Kaspar. Sondern auf die Figur im «Struwwelpeter», wie sie dort so eindringlich beschrieben ist. Sie wissen schon: Der Junge, der Suppen verabscheut und in den Suppenstreik tritt («Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!»).
Die Vermutung konnte einem kommen bei Ihrer Medienkonferenz, an der Sie Ihren Abgang verkündeten. Da haben Sie immer wieder von Suppen gesprochen, die Sie anscheinend widerwillig zu sich genommen haben und die Ihnen ganz offensichtlich schwer im Magen lagen. Von der UBS-Suppe, beispielsweise, wie Sie sie nannten. Die ungeachtet der drei Initialen nichts mit der herkömmlichen Buchstabensuppe zu tun hat, überhaupt eigentlich nichts mit dem Alphabet. Aber mit der Arithmetik, mit Zahlen, die sich, wie wir wissen, eher zu einem Salat als zu einer Suppe zusammenfügen. Das konnte Ihnen nicht passieren, weil Sie als eidgenössischer Kassenwart das Zahlenwerk gut beherrschten.
Ihr Problem lag eher darin, dass Sie nicht oder zu spät den vollen Ernst der Lage im UBSImperium begriffen oder wahrhaben und im Bundesrat kommunizieren wollten. In jenem Imperium, in dem Jongleure an Schaltstellen Mühe mit Mass und Gewicht hatten und meinten, niemand durchschaue ihre Tricks. Sie bräuchten nicht mehr Mass zu halten und es sei nicht nötig, dass ihre Transaktionen ins Gewicht zu fallen hätten für Ethik und Moral. Ein folgenschweres Verhalten.
Ja, die UBS-Suppe war eine ungeniessbare Brühe, ebenso wie die Libyen-Suppe, die Sie ebenfalls erwähnten. Da wäre jeder von uns zum Suppenkaspar geworden, wenn er sie hätte aufessen sollen. Es ist so im Leben: Man kann sich nicht immer aussuchen, was einem vorgesetzt wird. Aber Sie haben recht: Hin und wieder wäre es besser, eine Suppe einfach mal wegzuschütten, statt zu versuchen, sie brav auszulöffeln.
Suppen haben im Übrigen die fatale Eigenschaft, dass man sich an ihnen den Mund verbrennen kann. (Dass es Menschen mit einer feuerfesten Speiseröhre gibt, die Suppen so heiss essen können, wie sie gekocht wurden, sind andere Geschichten.) Den Mund haben Sie sich verbrannt, das schleckt keine Geiss aus Ihrem Kanton weg, auch wenn Sie sich, zugegebenermassen, weder direkt jenes Teufelselixier aus der Grossbank noch jenes Gebräu aus Ghadhafis Küche selbst eingebrockt haben.
Wie auch immer: Mit dem Zeitpunkt Ihrer Demission haben Sie Moritz Leuenberger in die Suppe gespuckt, pardon: ihm die Suppe versalzen. Leuenberger, der hoffte, noch im Abgang sein eigenes Süppchen kochen zu können. Das Feuer ist ihm aber gestern erloschen.
Vielleicht haben Sie, absorbiert von Ihrem Rücktritt, nicht mitbekommen, dass Bill Clintons Tochter Chelsea geheiratet hat. Chelseas Vater hat sich für den Anlass eine Suppe eingebrockt und sie auch selbst ausgelöffelt. Da der Expräsident seine Tochter schlank und rank zur Hochzeit führen wollte, hat er mit einer Kohlsuppen-Diät überschüssige Pfunde zum Verschwinden gebracht. Drahtig, wie Sie sind, und stets federnden Schritts, haben Sie das nicht nötig. Sie dürfen sich ungestraft einer währschaften Habersuppe Appenzeller Art hingeben. Ich nehme an, dass Sie sie mögen. Und so sind Sie denn auf jeden Fall ein Suppenkaspar, gilt doch das Wort – ein Paradox der Sprache – heute für beide Seiten: für die Kostverächter der Suppe so gut wie für jene, die sie heiss lieben.
Ein Süppchen wärmt die Seele, heisst es. Seelenwärmer brauchen wir alle. Aber nicht nur Suppenküchen im Land.
Ich wünsche Ihnen, Herr Bundesrat, alles Gute für die Zukunft und Jahre eines erspriesslichen Ruhestands.
Mit freundlichen Grüssen:
Christophe Pochon
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