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Kolumne

Besuch im Spitalcafé

Das geheime Stichwort im Spitalcafé heisst «Veränderung».

Hans J. Ammann.

Hans J. Ammann

Eines meiner Lieblingscafés in Biel ist das Spitalcafé. Fragende Augen meiner Bekannten: Warum? Die Antwort ist einfach. Weil sich dort, auf kleinstem Raum, Realität und Hoffnung verbinden. Nirgendwo sonst hat die Floskelfrage «Wie geht's dir?» eine überzeugendere, ehrlichere Bedeutung, nirgendwo sonst trifft man Menschen aus allen Bevölkerungsschichten der Stadt und der Region, nirgendwo sonst spürt der Besucher die enge Verknüpfung von Freude und Schmerz.

Das ist aber nicht alles. Das geheime Stichwort im Spitalcafé heisst «Veränderung». An den Tischen sitzen Patienten und deren Angehörige, sitzen Krankenhausmitarbeiter, hoffen alle auf ein gutes Ende der Geschichten, in die sie verwickelt sind. Die ersehnte Zukunft mag für viele wichtiger sein als die erschwerte Gegenwart. Dutzende von Veränderungsgeschichten jeden Tag. Sie spiegeln die Realität «gesund» oder «nicht gesund», sie spiegeln unserer Sehnsucht nach Normalität, nach einigermassen stabilen, ungefährdeten und gleichzeitig freien Lebensbedingungen. Aber auch diese zwingen uns oft genug zu Veränderungen, über deren Bedingungen wir oft genug nicht frei und ungebunden entscheiden können. Sie geschehen an uns und wir geschehen in ihnen. Passiv erleidend, ausgeliefert, wir können strampeln, so viel wir wollen. Im Wort «Patient» steckt das Wort «patience»: Geduld, Langmut. Weltweite Protestbewegungen führen uns vor Augen, dass Millionen Menschen genug haben von einem abhängigen «Patientendasein», sie haben die Geduld verloren, pfeifen auf Langmut. Die politischen Motive sind verschieden, die Sehnsucht nach Veränderung verbindet. Selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können, das ist das Ziel.

Aber wie geht Veränderung? Eine Veränderung, deren Ziel nicht so leicht zu definieren ist wie für das Krankenhauspersonal und die vielleicht kurz vor ihrer Entlassung stehenden Patienten im Spitalcafé Biel. Vor einigen Tagen trafen sich im Stadttheater Freiburg i. Br. viele Menschen, die sich über die politischen Dimensionen des Begriffs «Veränderung» weitläufige Gedanken gemacht haben. Untertitel war die «Kunst der Teilhabe in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft». Referenten und Teilnehmer plädierten in Freiburg vehement für eine Stärkung staatsbürgerlichen Bewusstseins, für ein verstärktes Nachdenken über Möglichkeiten und Bedingungen gesellschaftlicher und politischer Veränderung und Partizipation.

Was heisst eigentlich «Wachstum»? Ist das gleichsam ein Naturgesetz oder was? Warum hat sich die Finanzindustrie derart weit von der Realwirtschaft abgekoppelt?

Oder anders gefragt: Warum lässt sich mit Geld mehr Geld verdienen als mit Arbeit? Was heisst eigentlich «Systemrelevanz»? Die Bank Wegelin ist nicht systemrelevant, die Credit Suisse und die UBS schon. Systemrelevant ist die Politik, nicht die Banken. Oder hat sich in den letzten Jahren ein «Wirtschaftsfeudalismus» herausgebildet, dem demokratische Strukturen nicht mehr gewachsen sind? Ja, hat sich. Fragen über Fragen. Das «yes we can» von Obama hat an Strahlkraft verloren. Zu oft heisst es jetzt auf allen Ebenen «we can't». Dass die Ärzte im Spitalzentrum diesen Satz vermeiden, darauf vertrauen die Patienten. Damit sind wir wieder im Spitalcafé angelangt, dessen Kunden sich allerdings nicht aus grösseren Zusammenhängen verabschieden können, seien sie nun Patienten oder Besucher. Was sie allerdings verbindet, das ist das Vertrauen in die Arbeit des Spitalzentrums. Krankheit, Unfall: Das sind Krisen. Heilung: Die ist an eine zentrale Voraussetzung gebunden, und die heisst Vertrauen. Ein Blick auf die verschiedenen Krisenlagen unserer Gegenwart verdeutlicht in manchen Bereichen unfassbaren Vertrauensschwund. Tricksereien, Durchstechereien, kindisches Machtgerangel, Gier, Vorteilnahme, die Liste der sieben mittelalterlichen Todsünden hat Zuwachs bekommen. Oft festgestellt, deswegen aber nicht weniger wahr: Die Krise der EU ist auch eine Vertrauenskrise. Die derzeitige Chefärztin Europas, Frau Merkel, wird nicht müde, dies zu wiederholen. Was folgt daraus? Wer das Wort «Vertrauen» zu oft in den Mund nimmt, der verliert das Vertrauen. Das wissen wohl die Ärzte des Spitalzentrums. Ansonsten wäre das Spitalcafé wüst und leer. Und auch die Mehrheit der Bankhallen. Aber dies ist wiederum eine andere Geschichte.

Hans J. Ammann wurde 1942 in Solothurn geboren. Er war von 2002 bis zum Ende der Spielzeit 2006/07 Direktor des Theaters Biel Solothurn.

 

 

 

Stichwörter: Kolumne, Hans J. Ammann

Kommentare

WinstonInfug

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