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Filmkritik

Der Koch

In der Verfilmung von Martin Suters Roman «Der Koch» will ein tamilischer Kriegsflüchtling die Menschen mit «Love Food» glücklich machen. Der Film selbst ist aber kaum mehr als sättigende Hausmannskost.

Das Vorspiel: Andrea (Jessica Schwarz) und Maravan (Hamza Jeetooa).

Es gibt hunderte pflanzliche, tierische oder mineralische Substanzen, denen im Lauf der Menschheitsgeschichte eine luststeigernde Wirkung nachgesagt wurden: Austern etwa, geschmolzene Schokolade, Ginseng oder andere Nahrungsmittel und Gewürze. Gerade auch die traditionelle indische Heilkunst Ayurveda kennt viele aphrodisierende Gerichte, und wer wollte schon den intensiven Farben, Aromen und Gerüchen widerstehen, die alle Sinne gleichzeitig erfreuen können? Das dachte sich wohl auch der Schweizer Autor Martin Suter, als er den Roman «Der Koch» (2010) geschrieben hatte, in dem die traditionelle indische Kochkunst mit den modernen Methoden der Molekularküche verschmilzt und verschiedene kulturelle Wertesysteme und persönliche Lebensentwürfe kollidieren. Für die gleichnamige Verfilmung durch den deutschen Regisseur Ralf Huettner wurde die Geschichte des Buches zwar stark verschlankt, bleibt aber dennoch vielen Elementen treu: Nachdem seine Eltern im tamilischen Bürgerkrieg ihr Leben verloren haben, wird der junge Maravan von seiner Grossmutter aufgezogen, die ihn in die Geheimnisse der indischen und tamilischen Küche einweiht. Als erwachsener Mann lebt Maravan (Hamza Jeetooa) – wie ein grosser Teil der tamilischen Bürgerkriegsdiaspora – nun in der Schweiz und arbeitet als Küchengehilfe in einem Zürcher Nobelrestaurant. Sein Wissen wird allerdings wenig geschätzt, und als er eines Tages die Kellnerin Andrea (Jessica Schwarz) mit seiner Kochkunst beeindrucken möchte, verliert er den Job, weil er sich für seinen Plan unerlaubt einen Rotationsverdampfer des Restaurants ausgeliehen hatte. Die aussergewöhnlichen Gerichte, die er Andrea vorgesetzt hat, bringen aber nicht nur ihre Libido ausser Kontrolle, sondern auch ein gemeinsames Geschäft in Fahrt. Beide versorgen fortan wohlhabende Ehepaare, die unter sexuellen Problemen leiden, mit «Love Food». Als Andrea aber das Geschäft auf die Kunden der Edelprostitutierten Makeda (Yrsa Daley-Ward) ausweitet, kündigt Maravan die Partnerschaft auf. Erst als er erfährt, dass zu Makedas Kundenstamm auch der Schweizer Geschäftsmann Dalmann (Hanspeter Müller-Drossart) gehört, der den tamilischen Milizen der Tamil Tigers Waffen verkauft, willigt er ein, ein letztes Mal zu kochen. Und plötzlich stellt sich für Maravan die Frage, ob er mit seiner Kunst nicht nur Lust wecken, sondern aus etwas Bösem auch etwas Gutes machen kann. So ambivalent wie Maravans Entscheidung ist in «Der Koch» aber auch das Filmerlebnis selbst. Neben der gut funktionierenden Besetzung und einer schönen Bildsprache wirkt die holprige Synchronfassung – mehrere der Hauptdarsteller sprechen kein Deutsch – äusserst störend. Hinzu kommt, dass es weder die Dramaturgie noch der Schnitt vermochten, aus einer Geschichte voller klischierter Charaktere eine überzeugende und wirklich berührende Einheit zu machen. Entsprechend hebt sich «Der Koch» nicht von anderen Filmen mit dem Thema «Kochen macht glücklich» ab, im Gegenteil. Er ist kaum mehr als gute Hausmannskost: Solide und sättigend – aber ohne künstlerischen Anspruch.

Info: Im Kino Lido 2, Biel.

Sonja Wenger

Stichwörter: Filmkritik

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