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Filmkritik

Zero Dark Thirty

Das Werk will ein Actionfilm über die Jagd nach Osama Bin Laden sein und gleichzeitig als Politthriller die Foltermethoden der CIA anklagen. Doch beides geht nicht.

Die Arbeit der CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) führt massgeblich dazu, dass Osama Bin Laden getötet wurde. Doch heiligt jeder Zweck die Mittel? «Zero Dark Thirty» hat zu heftigen Diskussionen geführt.

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben alles verändert: Die Art und Weise, wie die westliche Welt den sogenannten Krieg gegen den Terrorismus bewertet; welche Mittel welchen Zweck heiligen; welche ethischen Prinzipien im Unterhaltungsgeschäft (und in vielen Medien) immer mehr verwässert werden; und vor allem, wie diese Prozesse von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Der neue Film «Zero Dark Thirty» (ein militärischer Ausdruck für 00.30 Uhr) der US-Regisseurin Kathryn Bigelow hat eine überraschend heftige Diskussion über diese Prozesse ausgelöst. Der Film beginnt mit Tonaufnahmen von 9/11, führt danach direkt in den Folterkeller eines CIA-Gefängnisses in Pakistan, und thematisiert anhand einer pseudodokumentarischen Geschichte die jahrelange Jagd nach Amerikas Erzfeind Osama Bin Laden sowie die Militäraktion zum Zweck seiner Ermordung 2011. Hauptprotagonistin ist die CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain), deren einzige Mission es nach 9/11 ist, den al-Quaida-Anführer zu finden. Sie widmet sich geradezu besessen dieser Aufgabe und schreckt – nach anfänglicher Zurückhaltung – nicht davor zurück, bei den Verhören Folter einzusetzen. Einige so erhaltene Informationen führen dazu, dass Maya schlussendlich Bin Laden aufspüren kann. Die Hauptkontroverse um «Zero Dark Thirty» dreht sich deshalb um den Vorwurf, der Film würde Folter als ein nützliches Mittel zur Informationsbeschaffung zeigen – und so legitimieren. Fakt ist, dass der Film in den ersten 20 Minuten verschiedene Foltermethoden hautnah zeigt und auch in der Folge Folterverhöre eine wichtige Rolle spielen. Die Regisseurin weist die Vorwürfe selbstredend zurück – und verteidigte in einem Brief an die US-Zeitung «LA Times» ihren Film mit dem Argument, dass «in der Kunst die Darstellung einer Sache nicht bedeutet, dass man diese gutheisst». Diese beiden Dinge zu verwechseln sei der erste Schritt, Künstlern das Recht zu verweigern, «dunkle Machenschaften ans Licht zu bringen». Tatsächlich sind bei näherer Betrachtung die Vorwürfe gegen Bigelows Film zwar durchwegs wohlformuliert, aber dennoch fehlgeleitet. Nicht die widerwärtigen Folterszenen, nicht die technisch perfekte Inszenierung der Ermordung Bin Ladens als modernes Heldenepos, nicht einmal die fehlende Einbettung des Ganzen in einen rechtlich-ethischen Kontext sind das wahre Problem von «Zero Dark Thirty». Ein echter Schauder packt einen vielmehr bei der allgegenwärtigen, weder von Bigelow noch von ihrem Drehbuchautor Mark Boal reflektierten Darstellung des scheuklappenartigen Patriotismus der Protagonisten, denen schlicht jedes Mittel recht ist, ja recht sein darf, um das «Heimatland» zu schützen. Zu Recht fordern Bigelows Kritiker deshalb mehr Achtsamkeit bei der Darstellung von Folter. Und zu Recht prangert etwa der slowenische Philosoph Slavoj Zizek an, dass Filme wie «Zero Dark Thirty» dazu führen, Folter zunehmend als etwas Normales anzusehen, was wiederum ein Zeichen sei für «das moralische Vakuum, auf das unsere Gesellschaften zusteuern». Doch weder die Filmemacher noch die Kritiker werden das unangenehme Thema Folter wieder auf das politische Parkett bringen, wo es hingehört. Denn dazu bedarf es ein Recht, das sich wahrhaftig ethischen Prinzipien verpflichtet fühlt.  

Info: Im Kino Beluga, Biel.

Sonja Wenger

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