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Filmkritik

Young Adult

«Young Adult» räumt gründlich und mit viel Witz und Verstand mit der Klischeevorstellung auf, dass sich Menschen auf die Schnelle ändern können.

Young Adult

Mit «Young Adult» kommt ein veritabler «Wolf im Schafspelz» ins Kino, denn der Film spielt gezielt mit der Erwartungshaltung, eine leichte Beziehungskomödie zu sein. Statt dessen wird dem Publikum durch die Hintertür und mit Hilfe einer schlau gestrickten Geschichte sowie einiger überzeugender schauspielerischer Leistungen eine Gesellschaftskritik aufgetischt, die sich gewaschen hat – und die einen zum Nachdenken anregt, über Werte und Wertungen, über das Erwachsenwerden und vor allem über das Erwachsensein. Stein des Anstosses in «Young Adult» ist Mavis Gary (Charlize Theron). Dass sie einen Zacken ab hat, ist noch das Netteste, was man über sie sagen kann: Sie ist 37, geschieden, jongliert am Abgrund des Alkoholismus und verdient sich ihr Geld als Autorin überholter Jugendbücher, die längst niemand mehr lesen will.
Dennoch glaubt sie, «es geschafft zu haben», was sich in Mavis` Weltbild vor allem darauf bezieht, dass sie in der Grossstadt lebt und den typischen US-Kleinstadtmief hinter sich gelassen hat. In ihrem Fall handelt es sich um Mercury (Minnesota) ein fiktives, austauschbares Kaff mit Fastfoodketten, Shoppingcenters und alten Bars, die als Zeitkapsel für verblasste Erinnerungen dienen.«Nie wieder zurück» ist deshalb Mavis` Motto, das sie jedoch im selben Moment über Bord schmeisst, als sie von ihrem Ex-Freund Buddy Slade (Patrick Wilson) eine E-Mail mit der Geburtsanzeige seiner Tochter erhält. In ihrer verkorksten Wahrnehmung handelt es sich dabei nämlich um eine heimliche Aufforderung, sie solle zurückzukehren und ihn «aus der Gefangenschaft seiner Ehe» erlösen. Gedacht, getan und Mavis befindet sich auf dem Weg nach Mercury, dessen Bewohnern sie mit derselben nase- rümpfenden Arroganz wie 20 Jahre zuvor begegnet.
Mit strategischer Planung und wirklichkeitsfremder Entschlossenheit macht sie sich auf, Buddy zurückzugewinnen. Dass sie sich dabei den Kopf blutig rennt, ist allerdings vorhersehbar. Denn Mavis war Zeit ihres Lebens nie dazu gezwungen, ihr egoistisches Wesen zu hinterfragen. So mangelt es ihr an jeglichem Taktgefühlt und noch immer verhält sie sich wie jenes High-School-Biest, das sie einst war und das seine vermeintliche Überlegenheit vor allem aus seiner Schönheit ableitet.
Dass «Young Adult» von Regisseur Jason Reitman dabei nur selten in Klischees abdriftet, ist dem schlanken und grundsoliden Drehbuch von Diablo Cody zu verdanken. Nach dem Erfolgsfilm «Juno» von 2007 ist «Young Adult» die zweite Zusammenarbeit zwischen Reitman und Cody. Ihnen ist dabei ein erstaunlich nüchterner und ehrlicher Blick auf die Lebensrealität einer Generation gelungen, deren Gefühlsleben durch stupide Fernsehprogramme wie «Keeping Up With The Kardashians» und anderem TV-Seelenstriptease zugemüllt wird und die in einem surrealistischen, lähmenden Spannungsfeld gefangen ist zwischen Spiessbürgertum und Selbstzufriedenheit. Reitmans Fähigkeit, das Alltägliche absurd und das Absurde als normal darzustellen, ohne dabei Schärfe oder Tiefe preiszugeben, tut das ihre dazu, dass «Young Adult» kurzweilig, witzig, aber eben auch schlau ist.
Gut weg kommt dabei allerdings kaum jemand, respektive nur im jenem Masse, wie die Charaktere sich selber und der Welt gegenüber ehrlich sind. Entsprechend wird Mavis, die sich immer mehr in einem totalen Realitätsverlust verzettelt, erstmals überhaupt dazu gezwungen, über ihr Leben nachzudenken. Ein Katalysator dafür ist der behinderte Matt Freehauf (Patton Oswalt – die Stimme der Ratte Rémy aus «Ratatouille»), der mit Mavis zur Schule ging und der von ihr damals konsequent ignoriert wurde. Nun wird er zur Schulter, an der sich Mavis ausheulen kann und ihre gemeinsamen Szenen sind einige der unterhaltsamsten und berührendsten Momente des Films. Die Frage ist nur, was ein Mensch wie Mavis mit jener Erkenntnis anfängt, die er auf seinem Trip in die Vergangenheit erfahren hat. Denn wenn «Young Adult» mit einer Klischeevorstellung gründlich aufräumt, dann mit jener, dass sich Menschen einfach mal so ändern können.


Info: Im Kino Lido 1, Biel.

Sonja Wenger

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