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Filmkritik

Thorberg

Der Berner Dokumentarfilmer Dieter Fahrer hat in der Strafanstalt «Thorberg» während drei Jahren Insassen begleitet. Ein Film, der es den Zuschauern nicht einfach macht.

Wie weiter? Ein Häftling auf dem Thorberg.

Blätter drehen sich auf dem Tisch. In Bewegung versetzt von zwei Fingern.
Die Kamera geht nahe heran. Die Häftlinge sitzen da, einige rauchen, der Blick im Ungefähren, nach draussen irgendwo, dort, wo die Freiheit ist. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Doch wir haben die Tendenz, Gesehenes unverzüglich einzuordnen, zu beurteilen. Wir wollen das so. Ursache und Wirkung. Wenn möglich eine einfache Antwort.
Der Berner Dieter Fahrer («Que sera») stellt sich mit seinem Filmprojekt diesem Bedürfnis diametral entgegen. Er schaut, beobachtet, begleitet, lässt erzählen und schweigen, blickt in die Gesichter der Menschen, die auf dem Thorberg sitzen, dieser Trutzburg im Krauchthal. 180 Männer sind dort inhaftiert, sie kommen aus über 40 Nationen. Mörder sind darunter. Einer hat eine Frau umgebracht und später erfahren, dass sein Opfer schwanger gewesen ist. 14 Jahre hat er bekommen und erzählt seine Geschichte. Er versucht sich zu rechtfertigen, ringt um Erklärungen. Er spricht von Manipulationen, von der Ohnmacht. Soll man also Mitleid haben mit ihm? Im gleichen Atemzug aber auch seine Erkenntnis: Es gibt keine Entschuldigung. Was geschehen ist, ist genau so geschehen.
Fahrer zeigt, was ist. Zeigt die alltäglichen Verrichtungen, die immer gleichen Handbewegungen bei der Arbeit (da ist durchaus auch Ironisches zu entdecken. So falten die Häftlinge zum Beispiel Kartonschachteln mit der Aufschrift «Starter Box»), die repetitiven Kraftübungen. Er zeigt die Antriebslosigkeit der Insassen. Die Perspektivenlosigkeit. Die erzwungene Untätigkeit. «Ich würde gerne etwas Nützliches tun», sagt einer. «Aber es ist niemand da, der etwas braucht.» Ohne wissenschaftlichen Unterbau, ohne grosse Definitionen ist man plötzlich mitten drin bei der Gefahr der Prisonisierung. Der Anpassung des Insassen an die Bedingungen, Strukturen und Werte im Gefängnis. Oder kurz gesagt: Der Möglichkeit, dass die Haft einen Menschen nicht zum Guten verändert, dass die von der Gesellschaft so sehr gewünschte (und verlangte) Resozialisierung nicht gelingt.
Fahrer zeigt die Finger, die ständig in Bewegung sind. Sie rollen Zigaretten, sie klopfen auf das Fensterbrett, sie streichen über den Tisch, den Hinterkopf, den Pullover. So, als ob sie die Freiheit imitieren würden. Reine Interpretation. Ja, vielleicht ist alles ganz anders. Das ist die Stärke von Fahrers Film (die ihm problemlos auch als Schwäche ausgelegt werden kann): Er lässt keine Angestellten des Thorbergs reden, keine Polizisten, keine Strafrechtler, keine Psychologen. Er bietet keine Fluchten an, keine Menschen, die für einen denken, entscheiden gar. Die Sätze der Insassen, auch die darin manchmal fehlende Empathie, bleiben unwidersprochen. Und damit wirft er uns auf uns zurück – jenseits jeglicher Polemik. Ganz nüchtern, mit einer Distanz, die eigentlich genau das Gegenteil ist. Und er fragt: Welches ist die Aufgabe eines Gefängnisses? Soll es um mehr gehen als den Entzug der Freiheit? Wie steht es um unsere Wünsche nach Vergeltung und Sühne?
«Hier kann man den Verstand verlieren», sagt einer. Blätter drehen sich auf dem Tisch. In Bewegung versetzt von zwei Fingern. Nun wird klar, um was für Papiere es sich handelt.


Info: Im Kino Apollo, Biel.

Raphael Amstutz

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