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Filmkritik

Shana - The Wolf's Music

Der Solothurner Regisseur Nino Jacusso hat den Roman «Shana das Wolfsmädchen» der Kinder- und Jugendbuchautorin Federica de Cesco verfilmt. Herausgekommen ist ein «echter» Indianerfilm.

Ein richtiger Familienfilm: Shana (Sunshine O’Donovan) und der Wolf.

Etwas abseits des Indianerdorfs steht inmitten einer Wiese und in kniehohem Gras ein mächtiger Baum, dessen Äste mit unzähligen Amuletten behängt sind. In seinem Schatten spielt ein Mädchen zum Rauschen des Windes und der Blätter Geige. Seit ihre Mutter gestorben ist, lebt Shana (Sunshine O’Donovan) allein mit ihrem Vater und flüchtet vor dessen Alkoholexzessen und der verwahrlosten Wohnung immer wieder unter ihren Ahnenbaum. Diesen schmückt sie täglich mit Briefen an die Mutter und spielt auf deren Wolfskopfgeige, um so mit der Vermissten in Kontakt zu treten. In der Kultur der Scw’exmxIndianer nämlich können Ahnen in der Gestalt von Tieren mit den Hinterbliebenen «sprechen». Doch Shana wartet vergeblich auf ein Zeichen ihrer Mutter. Sie wird ob ihrer Ungeduld derart verstockt und blind gegenüber ihrer Umwelt, dass sie auch nicht bemerkt, wie ihr beim Geigenspiel regelmässig ein Wolf zuhört, der sich kaum fünf Meter von ihr entfernt duckend im hohen Gras versteckt. Stattdessen zieht sich der zwölfjährige Teenager immer weiter in seine eigene Welt zurück, verweigert die Schule, provoziert alles und jeden. Herausgerissen aus dieser Spirale wird sie erst, als Shanas Vater aus Geldmangel plötzlich die alte Wolfskopfgeige verkauft. Völlig verzweifelt macht sich das Mädchen auf die Suche nach dem Instrument, um es zurückzuerobern. Denn nicht nur schlägt die Violine für das Mädchen die Brücke zu ihrer Mutter, sondern auch zum Leben ganz allgemein, ihrer Identität und zu ihrem grössten Talent, dem Geigenspiel. Dieses erkennt auch Frau Woodland (Delilah Dick), ihre neue Lehrerin und selber auch Indianerin. Nach und nach gewinnt sie Shanas Vertrauen und meldet ihre hochbegabte Schülerin schliesslich an einer renommierten Musikschule in Vancouver an. Die Identitätssuche von Shana und die Indianerkultur stehen im Mittelpunkt von Nino Jacussos Film, der schon als Kind davon geträumt hat, «einen Film mit richtigen Indianern in deren Heimat zu drehen». Das ist ihm nun mit «Shana – The Wolf’s Music» zweifellos gelungen. Gedreht wurde ausschliesslich im Lower Nicola Reservat in British Columbia mit Laiendarstellern vom Volk der Scw’exmx. «Die Ureinwohner haben nicht nur mitgespielt, sondern auch am Drehbuch so lange mitgearbeitet, bis die Geschichte ein Teil ihrer eigenen Kulturwirklichkeit wurde», sagt der schweizerisch-italienische Regisseur. Der Filmwolf Britain hingegen ist kein Einheimischer: Er wurde eigens aus Hollywood eingeflogen, wo er unter anderem bei «Into the Wild» oder bei «Twiglight Saga: New Moon» mitspielte. Die Stärken des Films finden sich einerseits in den emotional aufgeladenen und bisweilen von kantigem Humor begleiteten Bildern, die den Weg des Mädchens durch den Dschungel des Teenageralltags dokumentieren. Anderseits in der eigenwilligen Mischung von Fiktion, Realität und Indianermystik. Das Wechselspiel zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Authentizität und Erzählstrang (manchmal etwa gar kitschig), zwischen Wolfsgeheul und Teenagersorgen wird zudem durch die erstaunlich abgeklärte, mutig schräge und rebellische Filmmusik des jungen Filmkomponisten Roman Lerch ergänzt, die dem Film ein emotional berührendes Schlussfeuerwerk beschert. Die Musik sowie die schauspielerische Leistung der jungen Hauptdarstellerin vermögen den Film, trotz etwelcher Längen, locker zu tragen. Jüngere Zuschauer werden eher von der Handlung, ältere von der Musik schwärmen – ein richtiger Familienfilm halt.

Info: Im Kino Beluga, Biel. Nur 15.30 Uhr.

Beat Felber

Stichwörter: Filmkritik

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