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Filmkritik

Rosie

Marcel Gislers Film berührt, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Er bringt einen zum Lachen, ohne Schenkelklopfer. Und er geht einem nah, ohne sich anzubiedern. Ein starkes Stück Schweizer Film mit grossartigen Schauspielern.

Mit mir nicht: Rosie (eindrücklich: Sibylle Brunner) wehrt sich gegen die Abhängigkeit.

Rosie ist launisch, trotzig, ein bisschen verrückt und sehr einsam. Sie säuft, raucht, rebelliert. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde sie für einen Teenager halten. Doch Rosie ist um die 70. Und ihre Revolution gilt dem Altwerden, dem Nicht-mehr-Können. Nach einem Schlaganfall droht der allein lebenden Frau der Umzug in die Abhängigkeit. Doch da haben die Ärzte, die Tochter und der Sohn die Rechnung ohne Rosie gemacht. Mit Händen und Füssen und vor allem mit ihrem losen Mundwerk wehrt sie sich gegen Bevormundung und Pflegeheim. Vorerst reist also ihr Sohn, der als erfolgreicher Schriftsteller in Berlin lebt, ins st. gallische Altstätten, um sich um sie zu kümmern. Der Regisseur Marcel Gisler legt 14 Jahre nach seinem letzten Film «F. est un salaud» mit «Rosie» einen sehr persönlichen, intimen Film vor. Es ist eine Hommage an seine Mutter und alle Mütter dieser Welt. Aber nicht nur. «Rosie» ist auch eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Geschichte mitten aus dem Leben eines kleinen Schweizer Städtchens gegriffen. Zwei erwachsene Menschen sehen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Mutter bald rund um die Uhr betreut werden muss. Bloss von wem?  Glaubhaft zeigt Gisler, wie die beiden zwischen Ohnmacht, Liebe, Selbstsucht und schlechtem Gewissen hin und her pendeln und sich aufgrund der schwierigen Situation endlich auch mit sich selbst und ihrer Familienvergangenheit auseinandersetzen. Die Tochter (Judith Hofmann) ist unglücklich verheiratet und frustriert, der Sohn (Fabian Krüger) steckt in einer Schaffens- und Midlife-Krise. Und als ob das für den schwulen Lorenz nicht schon genug wäre, begegnet er in seiner alten Heimat auch noch Mario (Sebastian Ledesma) und mit ihm der Liebe. Beinahe merkt er es zu spät. Der Regisseur erzählt die Geschichte aus der Optik dieses Haderers Lorenz, der sich schwer tut mit seinen Emotionen und nur allmählich zu sich selbst findet. Die Verwirrung seiner Gefühle wie seine innere Reise werden filmisch unterstrichen durch die sich wiederholenden Autofahrten von Berlin nach Altstätten, unterlegt mit Beethovens Klaviersonate Nr. 17 («Der Sturm»). Doch die umwerfende, ebenso störrische wie liebenswerte Hauptfigur ist Rosie. Sie bringt Pfeffer und Humor in die ernste Thematik. Eindrücklich und ergreifend, wie Sibylle Brunner die um Würde und Selbstbestimmung kämpfende Seniorin verkörpert, der der Sinn für Humor nie ganz abhanden kommt. Für ihre Leistung wurde sie anfangs Jahr mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Überraschende Wendungen verleihen der Geschichte zusätzlichen Drive, auch wenn der Erzählstrang um das Familiengeheimnis etwas gar konstruiert wirkt. Ganz im Realismus verhaftet, hat sich Gisler wohl aus Gründen der Authentizität für das Schweizerdeutsche entschieden. Eine mutige Entscheidung und die richtige. Woran schon viele Regisseure und Schauspieler gescheitert sind, das kommt bei Gisler und seinem Ensemble so erfrischend, ehrlich, ungekünstelt und direkt daher wie der ganze Film.

Info: Im Kino Rex 2, Biel. 

Simone Tanner

Stichwörter: Filmkritik

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