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Filmkritik

Recycling Lily

Eine chaotische Frau, ein pingeliger Müllinspektor und ein Kind stehen im Zentrum eines neuen Schweizer Films, der die Fantasie zurück auf die Leinwand bringt. Eine kleine Perle.

Ihm entkommt kein Abfallsünder: Hansjörg Stähli (Bruno Cathomas) am Tatort.

Nein, diesen Film hat niemand erwartet. Und schon gar nicht in der Schweiz. In diesem Film geht es um Müll und wie wir damit umgehen. Und es geht um Ordnung, um Sauberkeit und um das Bünzlitum: Regel 1, Regel 2, Regel 3, Regel 4. Und das wiederum passt eigentlich ganz gut zur Schweiz. Oder müsste man sagen: passte? Wer an einem Sonntagmorgen durch die Stadt Biel spaziert, wird sich sagen: Ja, so ein Müllinspektor, der fehlt uns hier. Einer, der die Regeln kennt und sie pedantisch durchsetzt. Einer, der weiss, wann man die Säcke an den Strassenrand stellen darf und wann nicht. Einer, der den Abfallsündern nachstellt und sie gnadenlos büsst, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Um einen solchen Mann geht es in «Recycling Lily». Hansjörg Stähli heisst er. Seine Mutter, bei der er noch immer lebt, nennt ihn einfach Jöggi. Der Mann ist schüchtern, still und verantwortungsbewusst. Nichts ist ihm wichtiger als Sauberkeit. Als er eines Tages eine Abfallsünderin erwischt, die ihren Müll illegal in der Natur entsorgt, staunt er nicht schlecht: Es ist ein junges Mädchen. Schlimmer: es ist die Tochter von Lily, der FastfoodKellnerin, in die der Inspektor längst heimlich verliebt ist. Jöggi zeigt Herz und erlässt dem Kind die hohe Busse. Eigentlich möchte er mit dessen Mutter Lily anbändeln, doch die eröffnet ihm klipp und klar, sie sei «nicht im Dating-Modus». Dass sie auch sonst nicht zu ihm passt, weiss lange nur das Kinopublikum: Lily ist nämlich ein Messie und stapelt in ihrer Wohnung alles, was ihr in die Hände kommt. Und ihre Tochter Emmi schmeisst den Abfall aus purer Verzweiflung in die Umwelt.

«Recycling Lily» ist der erste Spielfilm des Westschweizer Regisseurs Pierre Monnard (siehe Infobox). Ihm ist ein bewundernswerter Wurf gelungen. Sein Film ist ein Märchen, das nur so strotzt von Fantasie. Es kommt daher in einem schrill-schrägen 50er-Jahre-Look. Und doch spielt es auch in der Gegenwart, ist zeitlos gültig – zumindest für die Schweiz. In keinem andern Land werden die Abfallentsorgung und das Recycling derart perfektioniert wie hier. Und ein Messie ist bei uns eine Provokation der Extraklasse. Die Idee, diese beiden Pole aufeinanderprallen zu lassen, verleiht dem Film viel Würze, Farbe und ein paar Knalleffekte. Doch Monnard liebt seine Figuren zu sehr, als dass er sie der Peinlichkeit preisgeben würde. Weder der Inspektor noch die FastfoodKellnerin verlieren ihr Gesicht. Sie beschnuppern sich so lange, bis es funkt – über alle pathologischen Schranken hinweg.

Der Bünzli und der Messie: Der Regisseur holt aus dem Thema ein Maximum heraus. Das ist neben der liebevollen Gestaltung (vieles erinnert an die Filme von «Amélie»-Regisseur Jean-Pierre Jeunet) auch das Verdienst einer tollen Schauspielcrew: Bruno Cathomas als Hansjörg, Johanna Bantzer als Lily und die 13-jährige Luna Dutli als Emma sind ein köstliches Vergnügen. Entscheidend ist aber, dass der Mundart-Film schliesslich weder die eine noch die andere Mentalität gewinnen lässt, sondern beide mit ihren Stärken und Schwächen akzeptiert. Das ist vielleicht nicht sehr schweizerisch, nicht sehr im Sinne von Recht und Ordnung, aber dafür sehr menschlich. Oder wie Jöggi es ausdrückt: «Regeln sind nicht alles. Es ist wie in der Musik: Manchmal muss man improvisieren. Und dann entsteht plötzlich ein guter Song.» Oder ein guter Film.

Info: Im Kino Lido 2, Biel. Am Samstag und Sonntag nur um 18 Uhr. Am Montag und am Dienstag auch um 15.30 Uhr.

Mario Schnell

Stichwörter: Filmkritik

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