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Filmkritik

Night Train to Lisbon

Nun ist der Erfolgsroman des Berner Schriftstellers Pascal Mercier auf die Leinwand gebracht worden. Die europäische Co-Produktion erinnert an ein Schachspiel.

Raimund Gregorius (Jeremy Irons): Wegen einer Frau im roten Mantel und den Worten Amadeu de Prados bricht der Lehrer aus den geordneten Bahnen seines Lebens aus.

Es ist wieder einmal eine schlaflose Nacht für Raimund Gregorius (Jeremy Irons). Also spielt er Schach gegen sich selber, bis es hell wird.
Das Leben des Sprachlehrers läuft in geordneten und sehr voraussehbaren Bahnen – und dies seit vielen Jahren. Als er aber an jenem Morgen über die Kirchenfeldbrücke in Bern läuft, sieht er eine junge Frau in einem roten Mantel, die sich in die Aare stürzen will. Gregorius rettet sie, sie verschwindet aber bald wieder und hinterlässt ihm einzig ihren Mantel und ein Buch, aus dem ein Ticket nach Lissabon fällt. Abfahrt des Zuges in einer Viertelstunde... Gregorius lässt alles stehen und liegen und macht sich in Portugal auf die Suche des Autors, dessen Worte ihn gleichzeitig berühren und herausfordern. Er, der in seiner Routine zu erstarren droht, sieht in diesem einen Buch alle Möglichkeiten aufscheinen. Die Möglichkeit, wie ein Leben auch noch zu leben wäre. Neugierig, leidenschaftlich, widersprüchlich. In kurzer Zeit spürt Gregorius nicht nur einer Dreiecksgeschichte voller Tragik nach, sondern erlebt dank seinen Recherchen auch ein düsteres Kapitel der portugiesischen Geschichte und seine Ausläufer hautnah mit. Als er mit zunehmender Rastlosigkeit die Leben der anderen ergründet und nachzeichnet, wird er immer wieder auf sich selber zurückgeworfen: Was soll er mit seinen Tagen, die ihm noch bleiben, anfangen? Hat er sein bisheriges Leben gar nicht gelebt? Und ist die Freiheit vor allem dann verlockend, wenn sie als Wunsch,  als Möglichkeit im Kopf ist oder ist sie nur ausgelebt etwas wert?
Das Buch des gebürtigen Berners Pascal Mercier, der eigentlich Peter Bieri heisst und nun als emeritierter Professor für Philosophie in Berlin lebt, hat einen unglaublichen Siegeszug hinter sich. Es ist inzwischen in über 15 Sprachen übersetzt und alleine in seiner deutschsprachigen Version über zwei Millionen Mal verkauft worden. Das mag überraschen – weil Erfolge von künstlerischen Werken grundsätzlich schwierig vorauszusagen sind – tut es bei genauerem Hinsehen aber doch nicht wirklich. Sind die im Buch aufgefächerten Themen doch in gleichem Masse universell wie existenziell: Es geht um Fragen der Identität, des Lebenssinns, der Flucht und des Umgangs mit (vermeintlich) verpassten Chancen. Dreh- und Angelpunkt sind dabei die metaphorischen Sätze des portugiesischen Schriftstellers.
Der dänische Regisseur Bille August («Smilla’s Sense of Snow», «Goodbye Bafana») hat die Geschichte als Parallelmontage auf die Leinwand gebracht. Da ist Gregorius’ Suche in der Jetztzeit und das Leben des Amadeu de Prado, der sein schriftstellerisches Talent verdrängt hat. August springt zwischen entbehrungsreichem Widerstandskampf und pittoreskem Lissabon, zwischen melancholischem Lehrer und enthusiastischen Politaktivsten hin und her. Dabei ist der Filmtitel eigentlich ein Etikettenschwindel: Dauert diese Szene doch nur wenige Sekunden. Sie ist zugegebenermassen mässig attraktiv. So ein älterer Herr in einem Zug, der durch die Nacht fährt. Das gibt nicht so viel her.  Dennoch: Man kann sich durchaus vorstellen, dass es dem Film gut getan hätte, wenn der Reise an sich etwas mehr Platz eingeräumt worden wäre. Ärgerlich hingegen, obwohl der Steigerung der Dramatik geschuldet, dass die SBB-Züge mit offenen Türen losfahren. Und dass alle Menschen immer gleich Englisch sprechen – auch die Berner Gymnasiasten und die Portugiesen – ist eine verständliche, wenn auch enttäuschende Konzession an die weltweite Vermarktbarkeit und stört uns nur, weil wir rasch grantig werden, wenn es um lokale Ungenauigkeiten geht. Oder wer würde sich zumuten, in einem US-Thriller zu erkennen, wenn in Philadelphia mit kalifornischem Akzent gesprochen wird? Trotzdem: Es nimmt dem Film ein Stück seiner Stimmigkeit, seiner Dringlichkeit, weil Gregorius die Genauigkeit und Präzision und vor allem die Phonetik und der Klang von Sprache so wichtig sind.
Diese grosse europäische Co-Produktion fühlt sich ein wenig so an, wie ein Schachspiel gegen sich selber: Es ist eine grundsolide, unaufgeregte, aber wenig überraschende Angelegenheit. Und man wird das Gefühl nicht los, dass etwas fehlt.

Info: Im Kino Lido 1, Biel. Auch in Lyss.

Raphael Amstutz

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