1970. Der Vorabend von Harvey Milks 40. Geburtstag. Der Versicherungsangestellte trifft in der U-Bahn in New York zufällig den wesentlich jüngeren Scott Smith (James Franco), verliebt sich und stellt fest: «Ich bin jetzt 40 und habe noch nichts getan, worauf ich stolz sein könnte.» Was folgt, ist viel mehr als nur schneller Sex – es ist der Beginn einer lebenslangen Beziehung.
Smith und Milk entscheiden sich, nach San Francisco zu ziehen und eröffnen dort im Arbeiterviertel einen Fotoladen. Die Mischung aus lockerem Hippeleben und umtriebigem Unternehmertum kommt an. Innerhalb kurzer Zeit wird der Laden zu einer Keimzelle der Schwulenszene und Milk ihr charismatischer Anführer. Clever zieht er die Fäden, schmiedet Allianzen mit der Gewerkschaft und kandidiert 1973 schliesslich für den Stadtrat. Die Wahl gelingt nicht, weitere Misserfolge folgen. Doch Milk gibt nicht auf, organisiert Protestveranstaltungen und baut den Widerstand gegen die diskriminierende Behandlung Schwuler auf.
Ende 1977 geht die Rechung auf: Harvey Milk wird als erster bekennender Homosexueller in den Stadtrat von San Francisco gewählt. Doch den Preis, den er für seinen politischen Erfolg bezahlt, ist hoch: Sein langjähriger Partner Smith verlässt ihn und mit seiner forschen und unnachgiebigen Art macht sich Milk viele Feinde. Am 27. November 1978 werden er und der Bürgermeister vom konservativen und religiösen Stadtrat Dan White (Josh Brolin, oscarnominiert für die beste Nebenrolle) erschossen. Was in Kalifornien tagelang das alles beherrschende Gesprächsthema war und zu Schweigemärschen mit zehntausenden von Teilnehmern führte, ist bei uns nur wenig bekannt. Deshalb ist die filmische, nur ganz am Schluss dem Pathos verfallende Aufarbeitung dieser zentralen Weichenstellung für die «Gay-Rights» besonders zu empfehlen.
Doch natürlich geht es bei Gus Van Sant um mehr als eine bebilderte Geschichtslektion. Van Sant zeichnet ein faszinierendes Porträt eines Mannes, der sich trotz seiner schillernden und kontroversen Persönlichkeit stets in den Dienst der Sache stellte («Die Bewegung ist der Kandidat»). Einer, der genau um die Verwandtschaft von Theater und Politik wusste, der Lust hatte an der Inszenierung, der Darstellung, dem grossen öffentlichen Auftritt. Einer aber auch, der bitterlich erfahren musste, welche persönlichen Opfer zu bringen sind auf dem Weg nach oben.
«Milk» ist Triumph und Lehrstück in einem. Einerseits ein Sieg für die Schwulen, in dem er ein bedeutendes Ereignis ihrer politischen Bemühungen in Erinnerung ruft. Andererseits ein Triumph für Sean Penn, der als Harvey Milk eine virtuos-überragende Darstellung liefert und nach seinem Oscar für «Mystic River» im Jahre 2004 in der Nacht auf Montag das zweite Goldmännchen gewonnen hat. Schliesslich ist der Film auch Anleitung und Vorbild für Politiker in Zeiten von heftigen Finanznöten und verschwindenden Arbeitsplätzen. Wie sagte doch Harvey Milk in seiner wichtigsten Rede: «You gotta give em hope» – «Wir müssen ihnen Hoffnung geben».
Info: Im Kino Lido 1, Biel. Auch in Lyss.
Raphael Amstutz
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