Als das Brautpaar Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgård) zu dem herrlichen Landsitz von Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) fahren, wo ihre Hochzeitsfeier stattfinden soll, beginnen die Probleme schon bei der Anfahrt.
Die lange Stretch-Limousine kommt kaum um die engen Kurven. Die frisch Vermählten nehmen es mit Humor. Es sollte der einzige unbeschwerte Moment in diesen Stunden gewesen sein. Beim anschliessenden Hochzeitsfest wird rasch klar, dass hier vor allem gute Miene zu einem bösen Spiel gemacht wird.
Nach und nach öffnen sich Abgründe hinter der künstlichen Glückseligkeit. Justine kann ihre wachsende Depression immer weniger im Zaum halten, während ihre geschiedene Mutter Gaby (Charlotte Rampling) ihrem Zynismus aus Ärger und Frust über die Ehe im allgemeinen und die Heirat ihrer Tochter im speziellen immer mehr freien Lauf lässt. Immer offensichtlicher wird zudem die anfangs versteckte, gegenseitige Abneigung der Hochzeitsfamilien. Zwischen Claire und ihrem Mann John (Kiefer Sutherland) steigert sich die Streitlust von Minute zu Minute. Die hochzeitliche Apokalypse nimmt ihren Lauf, und über alldem steht am Himmel der rot leuchtende Planet Melancholia, der sich der Erde unaufhaltsam nähert... Dass der dänische Regisseur Lars von Trier in seinem Endzeit-Drama «Melancholia» ausgerechnet eine Hochzeit ins Zentrum stellt, mag am Anfang etwas seltsam wirken, ist aber in Tat und Wahrheit die perfekte Analogie. Kaum ein anderes Ereignis ist derart geeignet, versteckte Zunkunftswünsche, unerfüllte Träume, Frust und Ärger über verpasste Gelegenheiten oder offene Feindseligkeiten aufeinanderprallen zu lassen.
Wenn idealistische Vorstellungen im Zusammenhang mit Ehe und Hochzeit wie Seifenblasen platzen, werden nicht selten Unmengen an angestauten Gefühlen und verborgenem Hass entladen, und am Ende bleiben vom «Schönsten Tag im Leben» nur noch emotionale Trümmer übrig. Oder einfacher ausgedrückt: Weltuntergänge im Kleinformat. Von Trier lässt sich viel Zeit, um die zahlreichen Verstrickungen und Abläufe, die schliesslich rund um die Hochzeit zum Zusammenbruch vieler kleiner Welten führen, akribisch auszuloten. Hilfe erhält er dabei von einem fulminant aufspielenden Ensemble. Es ist vor allem Kirsten Dunst, die bereits 1994 im zarten Alter von zwölf Jahren in «Interview mit einem Vampir» ihr immenses Schauspieltalent offenbarte und seither immer wieder für grosse Kino-Momente gesorgt hat, die hier in der Rolle der depressiven Braut, die im Verlauf des Abends immer tiefer in ihrer Melancholie versinkt, ihrer Karriere die bisherige Krone aufsetzt.
Jede Regung, jeder Gesichtszug sitzt bis ins letzte Detail, und lässt so den Zuschauer richtig mit ihr leiden. Dass von Trier Justines emotionalen Absturz in fast schon übernatürlich schönen Bildern zelebriert, unterstreicht dessen Wirkung noch zusätzlich. «Melancholia» besteht aus zwei Hälften. Während Dunsts Justine den ersten Teil dominiert, rückt Charlotte Gainsbourg in der Rolle von Justines Schwester Claire im zweiten Abschnitt stärker in den Vordergrund. Und die französische Schauspielerin steht ihrer amerikanischen Kollegin in nichts nach. Mit ihrer Geschichte wächst nicht nur die Grösse des Weltuntergangs, sondern auch die atemberaubende Bildgewalt des Films. Auch die Betrachtung der Institution Ehe wird hier konsequent weitergeführt. Bis schliesslich das Universum seinen Platz in der Geschichte vollends beansprucht und die Probleme der Protagonisten – und schliesslich der gesamten Menschheit–- in eine völlig neue Perspektive stellt. Oder eben, einfacher ausgedrückt: Weltuntergang im Grossformat.
Info: Im Kino Rex 2, Biel.
Roger Duft
Trailer zu "Melancholia". Quelle: YouTube.
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