Sie sind hier

Filmkritik

Lovely Louise

Bettina Oberli hat einen kurzweiligen und subtilen Film über das menschliche Verhalten gemacht. Man kann ihre wunderbaren Figuren nicht mögen, tut es aber trotzdem.

Das ist Bruderliebe: André (Stefan Kurt) und Bill (Stanley Townsend).

Es wäre vermessen zu sagen, dass André (Stefan Kurt) unglücklich ist. Das Leben des Mittfünfziger verläuft in geregelten Bahnen, ist von Ritualen durchzogen, etwas ereignislos gewiss, aber sicher und berechenbar. Mittelpunkt dieses kleinen Universums ist seine Mutter Louise (Annemarie Düringer), ein diffuse 80-Jährige mit grossen Ansprüchen, glorreicher Vergangenheit im Theater und verpasstem Weltruhm in Hollywood. Zwischen den beiden herrscht eine Symbiose, wie sie lähmender nicht sein könnte: Zu grosse Nähe, zementierte Abhängigkeiten und falsch verstandenes Pflichtgefühl verhindern, dass sich der Sohn von der Mutter abnabeln, aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und ein selbstbestimmtes Leben führen kann.
Eine Steilvorlage eigentlich für hämischen Voyeurismus und fatale Klischees, eine Grundkrankheit allzu vieler Schweizer Filme der letzten Jahre. Doch was die Regisseurin und Drehbuchautorin Bettina Oberli in ihrem neuen Film «Lovely Louise» aus dieser Geschichte macht, ist feines Kino. Gekonnt und leichtfüssig vollführen Oberli und ihr Team einen Eiertanz auf dem Minenfeld der Psychologie und bleiben über weite Strecken selbst in jenen Szenen glaubwürdig, in denen die Fantasie etwas übermütig eingesetzt wird. Was nicht heissen soll, dass Fantasie etwas Schlechtes ist. Immerhin verfügt André über eine grosse Portion davon, auch wenn sie durch tiefsitzende Schuldgefühle stets ausgebremst wird. Doch wie soll er auch anders als das Märchen seiner Mutter unbesehen glauben, sie habe ihr Lebensglück und eine Hollywoodkarriere wegen ihm aufgegeben? Die Lebenslügen der einen Person sind die Bürde der jeweils andern. Einzig bei seinem Hobby kann er aus diesem manipulativen Teufelskreis ausbrechen und abheben, im wahrsten Sinn des Wortes: Auf der Minipiste und mit seinen raffinierten, selbstgebauten Modellflugzeugen fühlt sich André wohl und geniesst grossen Respekt. Ausserhalb bleibt aber jeder Versuch des Aufbegehrens gegen die eingefahrenen Strukturen im Verhältnis zu seiner Mutter zum Scheitern verurteilt und man ahnt es: André wie auch Louise brauchen einen grossen Schubs. Dieser kommt in Gestalt von Bill (Stanley Townsend), dem zweiten Sohn von Louise aus ihrer Zeit in Hollywood, den sie stets geheim gehalten hat und der jetzt seinen Teil der Mutterliebe einfordert. Von nun an wirbelt dieser Bill das Leben der beiden durcheinander und steht wie ein weisser Elefant ständig im Raum. Er stellt Fragen an Louise, die auch André brennend interessieren und um deren Antwort sie sich Zeit ihres Lebens gedrückt hat. Nach einem dramatischen Zusammenraufen lernt nicht nur André, dass der Wunsch nach Abnabelung und Emanzipation aus einem selbst kommen muss, und dass man Vergangenes zwar nicht ungeschehen machen, aber durchaus daraus lernen kann.
All dies hat Oberli in einen wunderbar kurzweiligen Film mit brillanten schauspielerischen Leistungen gepackt, der mit schlauen Schnitten, schönen stilisierten Einstellungen und einer eingängigen Musik arbeitet, dabei aber auf jeden Ballast verzichtet. Die Regisseurin vertraut dabei auf die Wahrnehmungsfähigkeit des Publikums und überlässt es jedem und jeder selbst, welche Saiten «Lovely Louise» zum klingen bringen soll – oder welche Schlüsse man daraus ziehen will.

Info: In den Kinos Lido 1 und Rex 2, Biel.

Sonja Wenger

Stichwörter: Filmkritik

Nachrichten zu Kino »