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Filmkritik

The Lone Ranger

«The Lone Ranger» Das Team von «Pirates of The Caribbean» hat nach vier erfolgreichen Filmen der Freibeuter-Saga die Segelschiffe vorübergehend eingemottet und dafür die Pferde gesattelt. Ob das eine gute Idee war?

Schräge Vögel im Wilden Westen: Ein mystischer Geisterschimmel, ein komischer Indianer (Johnny Depp) und ein einsamer Ranger (Armie Hammer, im Hintergrund). Bild: zvg

Die Meinungen sind geteilt. Das amerikanische Publikum hat den Film gnadenlos abgestraft, weil der «Lone Ranger», ein legendäres Jugendidol aus der nationalen Heldenriege, von Disney in ein krachendes Westernmärchen verwandelt wurde. Der Film kämpfte schon während der Produktion mit finanziellen Schwierigkeiten; in den USA war er an den Kinokassen ein veritabler Flop. Vor allem Hauptdarsteller Johnny Depp hat viel Schelte für seine Rolle einstecken müssen. Nach seinen Auftritten als affektiert-tänzelnder Seeräuber kommt der von ihm gespielte Indianer namens Tonto tatsächlich wie ein Prärie-Pirat daher, und das liegt nicht nur daran, dass Schminke, Zöpfchen und Haarschmuck wieder zum äusseren Erscheinungsbild gehören. Bei diversen seiner manieristischen Attitüden fühlt man sich stark an Kapitän Jack Sparrow erinnert. Doch neben dem pathetischbiederen Lone Ranger (Armie Hammer) bleibt der Indianer die interessantere Figur, liefert regelmässig die besseren Pointen und Johnny Depp schafft es vorzüglich, in amüsanter Ambivalenz zwischen Schamane und Scharlatan zu oszillieren. Auch wenn er wieder oft – sehr geziert – die Augen verdrehen muss. Der einsame Cowboy und der geheimnisvolle Indianer beschliessen nach anfänglichem Gezänk, gemeinsam zu reiten und sich an den bösen Geistern ihrer Vergangenheit zu rächen. Auf dieser Mission haken sie alles ab, was ein zünftiger Western braucht: Donnernde Pferdehufe, schnaubende Stahlrösser, wortkarge Männer in imposanten Landschaften, Eisenbahnbarone, Silberminen und Bordelle. Die Kavallerie ist stets pünktlich; dazu gibt es viel Staub und Dreck. Das Monument Valley in Utah, seit Jahrzehnten beliebteste Naturkulisse des Genres, muss unzählige Male herhalten (auch wenn die Geschichte eigentlich in Texas spielt). Unübersehbar sind denn auch die Reminiszenzen an «Once Upon a Time in The West» («Spiel mir das Lied vom Tod», 1968) von Sergio Leone, dem vielleicht besten Western aller Zeiten. Sei es mit der Wahl der Bildmotive, der Geschichte von Gier und Rache, den Anleihen in der Filmmusik oder einfach nur, wenn die Grillen plötzlich aufhören zu zirpen. Der damit verbundene epische Anspruch kann teilweise sogar eingelöst werden, es gelingen grossartig gefilmte Momente voller eindringlicher Dramatik und Beklemmung. Etwa wenn das tragische Los der indianischen Bevölkerung geschildert wird. Ein grosser Western-Klassiker wird «The Lone Ranger» aber nicht werden. Dafür drücken Produktion, Regie und Hauptdarsteller, die identisch mit dem «Pirates of The Caribbean»-Team sind, dem Film seinen Stempel zu fest auf: Komödiantische Action gepaart mit mystischen Versatzstücken. Die Spassfraktion behält mit omnipräsenter Selbstironie klar die Oberhand. Das ist punktuell sehr unterhaltsam, wer sich aber permanent selbst parodiert, verliert zwangsläufig an Glaubwürdigkeit und verspielt eine spannende Geschichte. Die zu grossen Teilen mittels Spezialeffekten realisierten Stunts sind zu hanebüchenem Slapstick wider jedes Naturgesetz verkommen, da ist die Frage berechtigt, ob sich hier nicht schon der nächste Disney-Themenpark ankündigt. Ein altes Sprichwort der Dakota-Indianer besagt: «Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd reitest, steig ab». Die Amerikaner meinten, dass es an der Zeit sei, abzusteigen. Im alten Europa dürfte der klapprige Gaul noch ein Weilchen durchhalten.

Info: In den Kinos Apollo und Rex 1/2, Biel; auch in Lyss.

Sven Weber

Stichwörter: Filmkritik

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