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Filmkritik

Les beaux jours

Fanny Ardant brilliert in der Tragikomödie «Les beaux jours» als Rentnerin, die sich ein Abenteuer mit einem Mann gönnt, der ihr Sohn sein könnte. Ein lieblicher, charmanter Film mit viel Herz und wenig Kanten.

Schöne Tage an der bretonischen Küste: Caroline (Fanny Ardant) und Julien (Laurent Lafitte).

Da sitzt sie nun und soll den Ruhestand geniessen, die knapp über 60-jährige, überaus attraktive Zahnärztin Caroline (Fanny Ardant). Alle sind sie da – Ehemann, zwei Töchter, Freundinnen – um ihr gute Ratschläge zu erteilen, wie man auch im Alter noch aktiv seinen Alltag gestalten kann. Eine ihrer Töchter schenkt ihr gar ein Schnupperabonnement im «Les beaux jours», einem Freizeitzentrum für Senioren. Denen wird dort alles angeboten, was ihr Herz in der neuen Freiheit herbeisehnt: Yoga, Töpferkurse, Computerweiterbildung, Weindegustationen, Tischtennis und vieles mehr. Widerwillig und zögerlich setzt sich Caroline also in einen Schauspielkurs und findet alsbald ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Sie muss sich von einer übermotivierten, eingebildeten, jungen Kursleiterin vorführen lassen, was Madame selbstverständlich nicht goutiert und kurzerhand Reissaus nimmt. Sie kehrt erst zurück, als kurz darauf bei ihr daheim das Internet aussteigt, worauf sich Caroline in einen Computerkurs einschreibt. Und mit Julien (Laurent Lafitte), dem jungen, attraktiven Leiter dieses Kurses, fangen nun definitiv die schönen Tage auch für Caroline an... Fanny Ardant hat auch mit 64 Jahren nichts von ihrer einnehmenden Präsenz und zauberhaften Ausstrahlung verloren. Die einstige Muse und Lebensgefährtin von François Truffaut ist eine der grossen Diven des französischen Kinos und versprüht Charisma wie eh und je. Natürlich: Die Rolle der Caroline ist ihr auf den Leib geschrieben. Und ebenso natürlich: Die Geschichte hat weder grosse Ecken noch Kanten, ist leichtfüssig, beschwingt und kommt sommerlich freizügig daher. Und trotzdem: Fanny Ardant füllt die Rolle mit ihrer ganzen Lebens- und Schauspielerfahrung mit so viel Witz und Raffinesse, dass es eine Wonne ist, ihr zuzuschauen. Die Regisseurin Marion Vernoux («Vénus beauté») erzählt die Geschichte über neue Freiheiten, Loslassen, Pubertät im Alter, Vergänglichkeit, Freundschaft, verborgene Sehnsüchte, Liebe, Konventionen und Klatsch frei nach Fanny Chesnels Roman «Une jeune fille aux cheveux blancs». An der Seite von Fanny Ardant laufen auch «ihre» zwei Männer zu Hochform auf: Auf der einen Seite Patrick Chesnais als sensibler, geduldiger, lakonischer und etwas verklemmter Ehemann Philippe, der nachts im Treppenhaus Joghurt essend auf die Rückkehr seiner herumstreifenden Gattin wartet. Auf der anderen Seite Laurent Lafitte als unwiderstehlicher 40-jähriger Womanizer Julien, der lieber einmal mehr als zu wenig im Estrichkämmerchen Sex mit einer Kursteilnehmerin hat, und noch lieber die Kunst der Unverbindlichkeit zelebriert als sich auf Versprechen einlässt. So kommt es denn, wie es eben kommen muss. Und genau dies ist auch die Schwäche des Films. Neben all den Feinheiten, dem leisen Humor, den zauberhaften Details – vom gemeinsamen Joint nach der Liebe bis hin zu den einsamen, sehnsüchtigen Spaziergängen an der rauen bretonischen Atlantikküste – fehlt die eine Ecke oder andere Kante, ist die Tragik zu brav, der Humor zu sanft, die Geschichte zu vorhersehbar. Trotzdem ist es ein schöner, sehenswerter Film und lohnt sich allein schon der Schauspielerin und ihrer beiden Kollegen wegen.

Info: Im Kino Rex 2, Biel.

Beat Felber

Stichwörter: Filmkritik

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