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Filmkritik

I, Anna

Eine mysteriöse Beziehungsgeschichte zwischen einer geheimnisvollen Frau und einem Kriminalkommissar steht im Mittelpunkt von «I, Anna». Charlotte Rampling spielt im Erstlingsfilm ihres Sohnes grandios.

Der Eindruck täuscht: Eben noch befand sich die Dame (Charlotte Rampling) in Lebensgefahr.

Speed Dating ist jene Form von organisierter und bezahlter Kontaktaufnahme, bei der möglichst schnell und unkompliziert Flirt- oder Beziehungspartner gefunden werden sollen. Aus genau diesem Grund nimmt auch die attraktive Mittfünfzigerin Anna (Charlotte Rampling) an einer solchen Veranstaltung teil. Verlassen von ihrem Ehemann und ermutigt von ihrer Tochter, doch endlich mal wieder frische Luft zu schnuppern, setzt sie sich mehr aus Zeitvertreib denn aus wirklichem Interesse den Schnellschuss-Rendez-vous aus. Und siehe da: Ein gewisser George gefällt ihr. Und zwar so gut, dass sie auch gleich noch die Nacht mit ihm verbringt. Am nächsten Morgen erwacht jedoch nurmehr Anna, George ist tot, wurde ermordet. Der auf den Fall angesetzte Kommissar Bernie Reid (Gabriel Byrne) verdächtigt schnell einmal den Sohn des Toten. Im Laufe der Ermittlungen trifft Reid jedoch auch auf Anna, deren mysteriöse Ausstrahlung ihn je länger je mehr ebenso anzieht wie verstört, spürt er doch, dass die Frau ein Geheimnis mit sich trägt. Und so kann er denn beginnen, der unvermeidliche, düstere und schleppend sich dahinziehende Slalomlauf zwischen Pflicht und Gefühlen, inmitten trist-grauer städtischer Betonklötzen.
Die Story – eine Verfilmung eines Romans der amerikanischen Psychoanalytikerin Elsa Lewin, der 1998 von Nico Hofmann als «Solo für Klarinette» mit Corinna Harfouch und Götz George bereits einmal verfilmt worden ist – ist gut durchdacht, perfekt inszeniert, ästhetisch fotografiert und bis ins Detail ausgeleuchtet. Eigentlich könnte es auch ein Drehbuch eines «Tatort-Krimis» sein, das Barnaby Southcombe, der Sohn von Charlotte Rampling, in seinem Erstlingswerk verfilmt hat. Was den Film jedoch bei weitem von einer Fernsehproduktion abhebt, ist die Besetzung. Insbesondere Charlotte Rampling läuft unter der Regie ihres Sohnes zu wahrer Hochform auf. Mit sicherem Gespür und Auge für die kleinen, unscheinbaren und doch vielsagenden Bewegungen und Eigenarten seiner Mutter, lässt Barnaby Southcombe diese ihr grandioses Können auf der Leinwand entfalten. Charlotte Rampling verkörpert Anna perfekt, diese ebenso legere wie fragile, äusserlich ruhige wie innerlich brodelnde, eigenbrötlerische wie traurige Frau. Gabriel Byrne wiederum schafft es, der Rolle des heruntergekämpften, griesgrämigen, desillusionierten und gelangweilten Kommissars eine unterschwellige Spannung einzuhauchen, dass es eine Freude ist, ihm zuzuschauen. Wenn es dennoch Vorbehalte diesem im Genre des Film noir (siehe Infobox) gedrehten Schauspiels gegenüber gibt, dann ist dies der vorhersehbaren Handlung zuzuschreiben. Schnell einmal ist die Spannung weg, denn viel zu früh ist klar, wer den Mord begangen haben muss.
Die Spannung besteht einzig noch darin, herauszufinden, wie es denn nun eigentlich enden oder beginnen soll mit dieser mysteriösen Frau und dem durch sie sinnesgetrübten Kommissar. Ungetrübte Freude bereitet «I, Anna» sicher all jenen, die Detailversessenheit, durchkomponierte Bilder sowie Schauspielkunst der Spannung und der verstrickten Handlung einer Geschichte vorziehen. Und natürlich unweigerlich alle jenen, die Fans von Charlotte Rampling sind.

Info: Im Kino Rex 1, Biel.

Beat Felber

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